Über das "Verschwinden" des Internet
Der nächste Sprung in der technologischen Entwicklung ist die Vernetzung von Millionen winziger Computer mit dem Internet, von Computern, die in der Elektronik all jener Geräte am Arbeitsplatz und im
Haushalt stecken, die wir täglich gebrauchen, ohne uns ihrer weiter bewusst zu sein. Das ist nicht etwa eine Zukunftsvision - die entsprechenden Produkte kommen bereits auf den Markt.
Wie war das schon wieder mit dem
Haushaltelektromotor?
Wer einen Blick in die Zukunft des Internets (und des Computers) werfen möchte, beschäftige sich doch einmal mit der Geschichte des Elektromotors. Vor hundert Jahren waren Elektromotoren relativ
grosse, unförmige Geräte. Es brauchte einiges Geschick, um sie zu bedienen. Funktionen und Design von Elektromotoren wurden über die Jahre so standardisiert und verkleinert, dass 1918 ein leichter
Elektromotor für den Haushalt für weniger als 120 Franken auf den Markt gebracht werden konnte. Dieser Elektromotor konnte mit diversen Zusatzgeräten Rahm und Eier schlagen, als Ventilator dienen,
Gegenstände polieren, Messer und Scheren schleifen, und last but not least als Vibrator dienen. Zu was der Vibrator nütze war, wurde in den Gebrauchsanleitungen nicht weiter ausgeführt würden die
LeserInnen ihre Gross- oder Urgrossmütter danach fragen, bekämen sie sicher nur ausweichende Antworten zu hören ...
In jenen Tagen war der Heimelektromotor das grosse Ereignis und Gesprächsthema in Kaffeehäusern, in Büros und zu Hause am Familientisch genauso wie heute der Computer und das Internet. Leicht
sich vorzustellen, wie die damaligen Pioniere der industriellen Fabrikation von Heimelektromotoren gegenüber ihren Freunden und Verwandten ins Schwärmen kamen: "Mit diesem Gerät kannst du 20 Eier in
der selben Zeit schlagen wie zwei von Hand!" Und schon damals verdrehten Pessimisten ihre Augen und gaben den Enthusiasten bissig zu bedenken: "Doch wer um Himmelswillen benötigt den schon 20
geschlagene Eier!"Auf einem ähnlichem Niveau nehmen heute Spassmacher in Fernsehshows die Internet-Surfer auf die Schippe.
Heute hat der Haushaltelektromotor seinen Status als kulturelle Ikone schon längst eingebüsst. Der Elektromotor ist in den Haushaltmaschinen praktisch unsichtbar geworden. Er wurde in Tausende von
alltäglichen Produkten integriert und unsichtbar gemacht, angefangen vom Haartrockner und Bleistiftspitzer bis zur Geschirrwaschmaschine und den Kinderspielzeugen. Der Haushaltelektromotor wurde das
Opfer seines eigenen Erfolgs. Nicht etwa weil er technisch überholt wäre, sondern im Gegenteil wegen seiner Allgegenwart nimmt ihn niemand mehr zur Kenntnis. Er wurde zu einem zentralen, unsichtbaren
Bestandteil unseres Alltagslebens.
Geht es mit dem Internet in eine ähnliche Richtung? Wie müsste sich das Internet entwickeln, damit es wie der Haushaltelektromotor so ins soziale und wirtschaftliche Leben integriert wäre, dass es wegen
seiner Allgegenwart von niemandem mehr wahrgenommen, das heisst praktisch unsichtbar würde?
Die Antwort ist schon da. Die neue Technologie der sogenannten "Embedded Systems" (Versteckte Systeme) ist eine noch wenig bekannte "Java" und viel bedeutendere Erfindung als und könnte aus dem
Internet ein Instrument für den Massenkonsum machen. Die "Embedded Systems" könnten dem Internet eine ungeahnte industrielle Dynamik geben mit der Folge, dass bis zum Ende dieses Jahrzehnts eine
Umgestaltung der Geschäftsstrategien auf dem Weltmarkt Tatsache würde.
Ein Internet per Knopfdruck:
überall, schnell und ohne Hirnen
Um was geht es bei dieser Wundertechnologie? "Embedded Systems" sind winzige stosssichere Computer, die fest in unseren Alltagsgeräten eingebaut sind und spezifische Funktionen erfüllen: im
Videorekorder, in nichtsperrenden Bremsen im Auto, im Mikrowellenofen. Fest eingebaute Computer sind schneller, zuverlässiger und viel billiger als die multifunktionale Software in PCs. Tatsächlich
kommen heute bereits 90 Prozent aller Mikroprozessoren nicht etwa in PCs, sondern in gewöhnlichen Haushalts- und Elektronikprodukten zum Einsatz. Die fest eingebauten Computer sind nun soweit
entwickelt worden, dass diese unsichtbaren Computer fürs Internet eingesetzt werden können. Integrierte Software wird den Anschluss ans Netz mit 1/100 der Speicherkapazität (memory) ermöglichen,
welche Window und andere PC-Betriebssysteme verwenden und dies zu etwa 1/10 der Kosten. Für David St. Charles, den Präsidenten der kanadischen Firma Integrated Systems Inc. (ISI), dem
Marktleader unter den Entwicklern von "Embedded Systems", eröffnet der billige Zugang zum Netz enorme Möglichkeiten und beinhaltet die Vision von einem tatsächlich universellen Internet. Auf diesem
erweiterten Internet werden alle Gebrauchsartikel des Alltagslebens Auto, TV, CD Player, Telefon, Bürogeräte, Mess- und Überwachungsinstrumente aller Art und natürlich auch der PC miteinander
verbunden werden. David St. Charles: «Dadurch erst machen wir das Internet zu einer Realität im Alltag, und zwar so allgegenwärtig wie Haushaltelektromotoren und das Telefon. Dabei braucht niemand
etwas von der Bedienung eines PCs zu wissen. Das Internet ist überall, macht alles und braucht kein spezialisiertes Know-how, um es zu benützen. Es ist ein Internet, wo Knopfdruck genügt!»
Dieses Internet ist befreit von der Zwangsjacke der Computerhandhabung. Der Cyberspace wird von einer blossen Plattform unter mehreren in ein riesiges Netz verwandelt, welches die ganze Gesellschaft
mit den Trillionen von täglichen sozialen und ökonomischen Interaktionen zusammenhält und aus dieser Welt erst eine vernetzte Zivilisation im wahrsten Sinne des Wortes macht. Nach David St. Charles liegt
das Geheimnis dieser revolutionären Umgestaltung in der Unsichtbarkeit: Sie wollen, dass das Internet allgegenwärtig wird, muss es überall aus unserer Wahrnehmung verschwinden. Es muss unsichtbar
werden, man soll es nicht mehr bemerken, und vor allem soll man nicht mehr darüber schreiben und reden.
Das industrielle Internet
Vom Magazin Forbes als Microsoft der versteckten Computer bezeichnet, scheint sich die Technologie der Firma ISI überall einzubetten: in Sony Direct Broadcasting Satelliten, Motorola Communications
Satelliten, in Druckern und Kopierern von Kodak und Xerox, in Hewlett-Packards interaktiven Fernsehgeräten, in Segas Karaoke Geräten, in Boeing-Flugzeugen, im Fernsteuerungssystem von Avis
Mietwagen, in Konsumergeräten von Philips, usw.
Da fest eingebaute Computer nur eine Funktion oder eine Gruppe von Funktionen ausführen, können sie in bezug auf Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit und Kosten auf einen Level optimiert werden, von dem
PC- und Softwarehersteller nur träumen. Einzig in der PC-Industrie gilt es als normal, solch unzuverlässige und komplizierte Produkte auf den Markt zu bringen, dass nur etwa ein Drittel der Kunden sie ohne
die Beanspruchung von Beratung nutzen können. Laut Dataquest werden dieses Jahr etwa 200 Millionen Anrufe an PC-technische Support-Hotlines gemacht. 1/7 der Anrufer wird frustriert aufgeben, weil
dauernd das Besetztzeichen kommt. Wann haben Sie im Gegensatz dazu das letzte Mal einen Spezialisten angerufen, um Ihren Fernseher, Ihren Videorekorder oder Ihr Telefon bedienen zu können?
Tatsache ist, dass der PC und seine Software ein radikal anderes Design besitzen als jede andere Technologie, die von Massenkonsumenten benützt wird. Auf der Ebene eines allgegenwärtigen Internets
würde es der PC schlicht nicht mehr schaffen.
Das unsichtbare Internet bedeutet nicht das Ende der PCs im Gegenteil, die Zahl der voll ausgerüsteten PC-BenützerInnen wird weiterhin zunehmen. Auch wird das Internet nicht zu einem System
degradiert, das nur noch narrensichere, einfach zu bedienende Anwendungen erlaubt. Das Konzept eines Internet geht aber davon aus, dass bahnbrechende Erfindungen und technologische Entwicklungen
erst dann den grossen Durchbruch schaffen, wenn sie Teil der Welt, wenn sie dem sozialen Verhalten gerecht werden und den ökonomischen Erfordernissen entsprechen. Umgekehrt schaffen es die neuen
Technologien, das menschliche Verhalten zu prägen zwar nur langsam und ohne dass wir uns dessen in der Anfangsphase bewusst werden. Klar ist es, dass die Strategie der weltweiten Integration aller
festeingebauten Computer davon ausgeht, dass die Masse der technisch nicht oder nur sehr wenig bewanderten KonsumentInnen den Ausgangspunkt aller Überlegungen darstellt.
Gekürzte Fassung von David Klines
Artikel
(Wired, Oktober 1996)