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Jedes Jahr ist es für mich erneut ein abenteuerliches Unterfangen, zu erfahren, was sich in der ständig verändernden Welt der Videokunst und der Neuen Medien tut. Es gilt die Fühler auszustrecken, Kontakte zu knüpfen, Material zu sichten. Auftakt der diesjährigen Recherche war ein spannender Ausflug mit Beat Käslin und Cyril Thurston vom Filmclub XENIX nach England ins Archiv von 'London Elecronic Arts' (LEA). Resultat ist ein Programm mit Tapes der letzten fünf Jahre, das die verschiedenen Tendenzen im britischen Videoschaffen zum Ausdruck bringt. Schockiert, herausgefordert aber auch berührt haben mich diejenigen Tapes in unserem Programm Open UP! Britische Videokunst der 90er Jahre, die sich auf eigenwillige Weise mit den Tabus im Umgang mit Sex, das heisst mit S/M, Sexindustrie und Onanie beschäftigen. Chris Byrne vom LEA meinte lakonisch auf meine Frage, inwiefern mit solch provozierenden Tapes nicht unnötigerweise die Gefühle der ZuschauerInnen strapaziert werden: 'Wir klären jeweils ab, ob keine Gesetze verletzt werden'. Ich hoffe, dass unser England-Programm einen Beitrag liefert zur Diskussion über Pornographie und Kunst, die in Zürich durch das Verbot der Ausstellung der New Yorker Künstlerin Ellen Cantor im städtischen Helmhaus mehr verhindert als wirklich geführt wurde. Ich persönlich bin für eine liberale Praxis im Umgang mit der künstlerischen Darstellung von sexuellen Tabus, weil in und durch sie oft unmittelbarer etwas über den Umgang mit Liebe, Zärtlichkeit, Macht und Aggression zu erfahren ist als durch bloss sprachliche Reflexion. Die Entrüstung über die künstlerische Darstellung und Verarbeitung von Pornographie, wie sie sich hier in Zürich nach dem Zensurfall in einer Flut von LeserInnenbriefen an den Tages-Anzeiger Luft verschafft hatte, täuscht darüber hinweg, wo die eigentlichen perversen Tatbestände in dieser Gesellschaft zu orten sind: etwa im Berufsalltag, wenn tyrannische Chefs sich einfach über ihre Untergebenen hinwegsetzen. Im Mief der hierarchischen Abhängigkeitsverhältnisse entwickeln sich Formen von Masochismus und Sadismus, die weit tiefer in unser Leben einwirken und mehr über unsere Kultur aussagen als die spektakulären Produkte der Pornoindustrie. Überraschend, wie letztes Jahr, ist die gestalterische Reife, die das Videoschaffen international wie regional erreicht hat. Die jahrelange Auseinandersetzung der VideastInnen mit komplexen Montagetechniken, mit Computeranimation aber auch mit der Geschichte des älteren Underground- und Experimentalfilms (zum Beispiel mit dem Genre des 'Found Footage'-Films) trägt Früchte. In unserem von Beat Käslin zusammengestellten internationalen Programm Home Movies beeindruckt die Arbeit des VIPER-Preisträgers vor zwei Jahren, des Ungarn Péter Forgács 'Meanwhile Somewhere... 1940-43. An Unknown War ' durch einen souveränen inhaltlichen wie gestalterischen Umgang mit dem schwierigen Thema der sogenannten Vergangenheitsbewältigung. Ohne den Moralfinger zu heben konfrontiert Forgács die subtilen Seiten des 'normalen Alltags' der vom Krieg Verschonten mit den Bildern der in die Vernichtungslager Verschleppten auf assoziative Weise, so dass ich als Zuschauer meine eigenen Gedanken zu formulieren wage und meine eigenen Querbezüge zur heutigen Situation in Europa machen kann. Nicht zuletzt ist es die Musik, die das Bild, das gänzlich ohne Kommentar auskommt, offen für die Interpretation macht. Ein eigentlicher Gegenwartsfilm, eine experimentelle Momentaufnahme vom Alltag in der russischen Metropole Moskau ist Erich Busslingers Moskau-Journal, der im Quer/Schnitt - eine Auswahl der Videowerkschau Schweiz von der VIPER 95 - läuft. Ausgerüstet mit einer einfachen Hi-8-Videokamera durchstreifte Busslinger Moskaus Strassen, Märkte, Museen und gottverlassene Gegenden im Nirgendwo einer mir unbekannten städtischen Wildnis. Mit schräger Kamera und geflippter Montage gelingt es Busslinger, uns sein Moskau näher zu bringen. Es handelt sich um ein liebevoll ironisches und manchmal auch bissiges Spiel mit einschlägigen Russland-Clichés. Da hat einer ein Stadtporträt gewagt, das dem 'Mann mit der Kamera' von Dziga Vertow Ehre erweist. Abenteuerlich und ganz anderer Natur ist für mich dieses Jahr die Beschäftigung mit den vernetzten Computern, mit dem Internet. Die Goldgräberstimmung, die vom Cyberspace ausgeht, steckt an, kann aber auch nerven, weil das Surfen oft eher einem Bummeln gleichkommt und viel Datenschrott zu überwinden ist, um an die wirklichen Perlen heranzukommen. Nach einer Einführung von zwei Stunden, kannst du dich allein im World Wide Web bewegen und auf Schatzsuche gehen. Und was gibt's da auf dem Web im Bereich 'Video Art' zu finden? Viel Altbekanntes neu aufgemacht: die Szene der internationalen Videofestivals präsentiert sich nun auch auf dem Web, praktisch alle haben sich die Auseinandersetzung mit der Datenautobahn zur Pflicht gemacht, machen Werbung für ihre Anliegen oder vermitteln interessante Adressen (Sites) auf dem Netz. Ob und wie die neuen Möglichkeiten der Zweiwegkommunikation per Computer von VideastInnen, FilmerInnen und Kunstschaffenden tatsächlich genutzt werden können, ist wohl eine Frage, die uns in den kommenden Jahren immer wieder beschäftigen wird. Als Einstieg in die Auseinandersetzung präsentiert der PCtip eine speziell fürs experiMENTAL auf Video aufgezeichnete Multimedia- und Internet-Playshow. Anschliessend soll eine Publikumsdiskussion stattfinden, die den Einfluss der Computervernetzung auf die audiovisuelle Produktion und deren Vertrieb zum Gegenstand hat. Eine Vernetzung live and direct bietet die Gesprächsrunde TsüriKonnekt - Videoschaffen in Zürich - Videoschaffen in Zürich. Wer in dieser Stadt den Einstieg ins praktische Videoschaffen sucht, sollte diesen Anlass nicht verpassen. Wir erfahren von den eingeladenen Gästen, wie sie sich in ihrem Berufsbereich mit Video auseinandersetzen und welche Bedeutung für sie dieses immer noch junge Medium hat. In der Carte Blanche, zusammengestellt vom Frauenkino XENIA, sind Arbeiten von Frauen aus der Film- und Videoklasse der Schule für Gestaltung und der Kunstschule 'F+F' zu sehen, die einen Einblick in die Werkstatt junger Videoschaffender in dieser Stadt ermöglichen. Dass das Stichwort 'Multimedia' nicht nur mit der Integration verschiedener audiovisueller Gestaltungsmittel auf dem Computer zu tun hat, sondern auch die spartenübergreifende Zusammenarbeit von Kunst-, Musik-, Theater- und Film/Videoschaffenden auf der Bühne als Live-Act bedeuten kann, hat letztes Jahr die im Kino XENIX aufgeführte multimediale Inszenierung Reading Cities - eine Stadtlesung aufzuzeigen versucht. Die Auseinandersetzung mit Multimedia live setzen wir dieses Jahr fort. Die Gruppe IT Works bietet eine szenische Improvisation zu einem Romantext von Jack Kerouac. Es handelt sich um eine Laboraufführung, bei der das spontane Zusammenspiel verschiedener medialer Ausdrucksformen im Mittelpunkt steht und nicht ein fertiges Produkt. Ich wünsche viel Vergnügen! Heinz Nigg Dank: Vielen Dank an Jean-Pierre Hoby von der Präsidialabteilung, der auch dieses Jahr das experiMENTAL tatkräftig unterstützt. Ebenso möchte ich Beat Käslin, Cyril Thurston, Chris Byrne und Barbara Mosca (British Council) danken für das Zustandekommen des Programms über Britische Videokunst der 90er Jahreund Andreas Fischer und Jürg Robustelli für die Herstellung der Multimedia- und Internet- Playshow. Ein weiterer Dank geht an Barbara Schregenberger und Chrigel Vaterlaus, die dem experiMENTAL diesen Site auf dem Web eingerichtet haben. Dank für ihre Mithilfe auch an Kathrin Gloor, Conny E. Voester, Fred Truninger, Cecilia Hausheer und Gary Thomas. |
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