Cecilia Hausheer: Telesoziale

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Bei den interaktiven Medien, allen voran dem Internet, werden das Kommunikative und Nicht-hierarchische beschworen. Doch möglicherweise verdeckt das Bild der interaktiven Medien sein genaues Gegenteil, nämlich die Neigung, das Subjekt als isoliertes Individuum darzustellen, das nicht mehr wirklich mit anderen interagiert (Slavoj Zizek). Und die nicht-hierarchische Struktur des Internet kann kaum als politische Metapher gelesen werden. Das "interaktive" Computer-Netzwerk ermöglicht es dem einzelnen zwar, seine Einkäufe zu erledigen, ohne ins Geschäft zu gehen, seine Rechnungen zu bezahlen, anstatt eine Bank aufzusuchen, an einem via Modem mit der Firma verbundenen Computer zu arbeiten, anstatt ins Büro zu gehen. Doch was ist, wenn diese Gänge zu den anderen Örtlichkeiten noch eine andere Funktion aufweisen, als bloss die, die sie vorgeben zu bezeichnen, eine Funktion, die vom Internet nicht wahrgenommen werden kann, da die zeitsparende Raumüberbrückung sich nicht mit jener verborgenen Funktion verknüpfen lässt? So kann beispielsweise der kollektive Arbeitsplatz ausser Haus nebst seiner Primärfunktion durchaus als sozialer Raum aufgefasst werden, in dem interagiert wird. Und so stellt sich die Frage, wie weitgreifend die sozialen Widerhaken des Internet sein könnten. Wenn der "Gesprächs"-Gegenstand der sozialen Begegnung sich darauf konzentriert, was wieder alles im Netz los ist oder die Verarbeitung der verfügbaren Informationen derart zeitintensiv wird, dass sich der Dialog im realen Raum auf ein Minimum beschränkt, wenn die Netzkommunikation letztlich dazu führt, Formen der sozialen Interaktion im realen Raum zu umgehen und das Ziel der Interaktivität im virtuellen Raum gar nicht mehr Kommunikation darstellt, wenn es darum gehen sollte, Nähe nur noch aus der Ferne zuzulassen, dann produziert die Netzkommunikation eine neue Form von Sozialfall im realen Raum, den Tele-Sozialfall.

Das Netz birgt auch das Versprechen von globaler Gleichgewichtigkeit in der Teilhabe an Kommunikation und Kommunikationstechnologie. Dort wird indes keine künstliche Sprache gesprochen, sondern in der Regel Englisch, eine Sprache mit kultureller Tradition. Für nicht native speakers heisst dies, sie brauchen mehr Zeit, um ihre Sicht der Dinge darzulegen, der Grad der Präzision eines Gedankenganges ist kaum derselbe wie in der Muttersprache. Dies schafft bereits sprachkulturell bedingte asymmetrische Voraussetzungen für eine Teilnahme an der Netzkommunikation, und ein kostenloser Übersetzungsdienst ist nicht in Sicht. Oder von der Implikation her ausgedrückt: Schnelligkeit und Präzision begünstigen die Festlegung der Relevanz von Gesprächsgegenständen und Sichtweisen - den Diskurs der Macht.

Die demokratische Teilhabe an der Netzkommunikation weist ferner noch einen viel grundsätzlicheren Aspekt auf. Denn wer könnte garantieren, dass es im Interesse der politisch Mächtigen ist, gegenüber den weniger Mächtigen bis Ohnmächtigen eine Art demokratische Sinneswandlung zu entfalten. Das Netz der Verkabelung kann sprachlos über die Kredite geregelt werden. Daher dürfte es leider mehr als nur eine Behauptung sein, dass ganze Gegenden und Gesellschaftsklassen vom Zugang zum Cyberspace ausgeschlossen sein werden, möglicherweise eine soziale Neuordnung stattfindet, die auf dem Zugang zur Netztechnologie gründet. Und so könnte es zu den Aufgaben der interaktiven Kunst gehören, Mytholegeme der Netzkommunikation zu hinterfragen, indem sie die Beziehung zwischem virtuellem und realem Raum unter dem Gesichtspunkt der Kommunikation und der Machtverhältnisse erkundet.

Cecilia Hausheer ist Kuratorin am Museum für Gestaltung in Zürich

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Last Updated:10.4.1996