Interview: Heinz Nigg
Markus Kenner, bekannt als Punky.
Geboren 1956 in Zürich.
Ausbildung als kaufmännischer Angestellter.
Heute Musikredaktor und freier Kulturveranstalter.
Markus Kenner: Als Lehrling ging ich schon an Vietnam-Demos und 1972/73
erlebte ich den Kampf um ein Jugendhaus im Drahtschmidli. Dann ging es ums
Jugendhaus Schindlergut. Das war zwar nicht so eine riesige Sache wie das
AJZ 1980. Aber es hatten dort doch ein paar hundert Jugendliche
vorübergehend eine Heimat gefunden. Im Schigu habe ich als einer der Ersten
Platten aufgelegt. Punk kam gerade auf, und weil ich als DJ Punk aufgelegt
habe, erhielt ich den Namen Punky, der mir bis heute geblieben ist. Bei mir war
alles immer gekoppelt mit meiner Freizeit: Leute treffen, kulturelle Aktivitäten,
Disco machen, Konzerte organisieren, Filme zeigen. Und das alles war
verbunden mit politischem Engagement. Als Lehrling begann ich andere
Lehrlinge zu organisieren. Zusammen mit Trotzkisten und anderen Grüppchen
machte ich im KV-Komitee mit. Jugendrevolte, Jugendhäuser: Das interessierte
mich brennend!
Mit einigen meiner politischen Freunde begann ich auch vermehrt ins Ausland
zu schauen. Wir lasen alles über Punk und Rock against Racism in England. Wir
gingen nach Frankfurt an Konzerte von Rock gegen Rechts und hatten dann
die Idee, in Zürich auch so etwas zu gründen: Rock als Revolte. Wir begannen
nach der Schliessung des Schindlergutes an anderen Orten weiter Konzerte
und Discos zu veranstalten, zum Beispiel im Polyfoyer. Dann wurden 1979 alle
diese Lokale geschlossen. Und plötzlich kam diese Stimmung auf: Es gibt zu
wenig Orte für uns Junge. Wir müssen raus auf die Gasse. Deshalb dieser
Name «Rock als Revolte», RAR. Es ging um Musik, aber es ging auch um den
Kampf für Freiräume.
Wie habt ihr euch zusammengefunden?
Nach einer Niederlage - nachdem das Schigu geräumt wurde - gibt es immer
verschiedene Fraktionen: die Militanten, die Gewaltfreien, die Reformisten und
andere. Wir beschimpften uns gegenseitig als Verräter. Plötzlich merkten wir,
dass die kleinen Gruppen für sich allein nichts mehr zustande brachten und wir
wieder zusammenarbeiten mussten. Wir gründeten mit der RAR also etwas
Breiteres, Unabhängigeres und vergassen den Detailstreit.
Was machte den Power von Rock als Revolte aus?
Das Besondere daran war eben, dass alle wieder zusammenkamen, die sich
vorher bekriegt hatten. Ein Höhepunkt war ein Konzert im Herbst 79 mit der
Gruppe Schröders Roadshow, einer deutschen Anarcho-Rockband. Das
Konzert hat die Leute wie beflügelt. Es genügte also nicht, Flugblätter an
Gleichgesinnte zu verteilen. Wir stürmten dann auch Konzerte von Good News:
«Wir wollen billige Konzerte, Gratiskonzerte, wir wollen eigene Räume!» Dies
interessierte die Leute, weil die Aktionen im Zusammenhang mit Musik standen
und weil es keine Treffpunkte gab. Eine grössere Anzahl von Discos und Partys
gab es noch nicht. Die Polizeistunde war auf zwölf angesetzt, und die hat
gegolten. Du konntest kaum einen Club eröffnen. Es war ein Mangel da, den
viele Leute gespürt haben.
Ich machte mit bei den Piratenradios. In einer Wohnung im Kreis 4 sassen wir
zusammen. Der eine hat Musik mitgenommen, der andere sprach ein Textli ins
Mikrofon. Das nahm man auf, und einer sendete das Ganze. Das war unsere
Art des Aufrufs zur Rebellion. Die dazu passende Musik war eindeutig Punk,
Rock und Reggae.
Viele Leute sind auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Wir wussten auch: Mit
der Roten Fabrik muss es vorwärts gehen. Dann kam noch die Geschichte mit
dem Umbau des Opernhauses, als wir dachten: für die gibt es wieder so viel
Geld und für uns nichts. Vor dem Opernhauskrawall sind wir schon zweimal
nach Veranstaltungen in der Roten Fabrik einfach dringeblieben, haben unsere
eigenen Konzerte durchgezogen, hatten Mikrofone auf der Bühne und haben
diskutiert. Hunderte von Leuten kamen zusammen: solche, die auf Punk
standen, andere auf Blues-Rock, Langhaarige, Kurzhaarige, Freaks. Ein paar
ältere 68er schauten auch herein - Unzufriedene von früher. Der 30. Mai 1980,
der Opernhauskrawall, ist also nicht aus heiterem Himmel gekommen. Wir
ahnten aber nicht, welche Ausmasse das Ganze annehmen würde. Dass Bob
Marley am gleichen Abend im Hallenstadion spielte, war ein Zufall. Da strömten
ja dann tausende von Jungen in die Stadt. Die Stadtbehörden hätten es
eigentlich kommen sehen müssen. Wir waren in Briefkontakt mit dem Stadtrat,
haben unsere Forderungen deponiert und sind abgewiesen und abgespeist
worden. Die merkten nichts. Die dachten: «Was wollen jetzt da die Jungen, und
was ist jetzt plötzlich los mit der Roten Fabrik? Nur nöd gsprängt!»
Stadtpräsident Sigi Widmer war schon damals nicht mehr auf der Höhe der Zeit.
Wie hast du die erste Nacht erlebt?
Da hatten wir also unsere Demo vor dem Opernhaus, und es knallte wirklich. Ich
war überrascht. Aufregung war da. Wir gingen nicht mehr nach Hause. Es war
eine ungemeine Wut da, aber auch Stärke. Man spürte, dass die Macht eine
Nacht lang auf der Gasse lag. Leute wurden verprügelt und verhaftet, aber die
Polizei kam nicht mehr mit. Bei der Polizeiwache neben dem Rathaus wurde das
erste Polizeiauto umgekippt. Man rannte im Niederdörfli herum, die einen warfen
Scheiben ein, andere schmissen Container um. Am Abend darauf kamen wir
wieder vors Opernhaus. Auf der Opernhaus-Wiese hatte es ein Festzelt. Wir
gaben durch: «Morgen um 8 Vollversammlung!» Das Medienecho war enorm,
und wir merkten: Aha, es bewegt sich etwas. Überall wurde berichtet, im Radio,
in der Tagesschau. Der «Sonntagsblick» schrieb: «Toll, wie sie plünderten und
prügelten!» Mehr als tausend Jugendliche kamen an die erste VV. Wir
forderten: «Gebt uns das AJZ bis in drei Wochen!» Das alles gab uns eine
Menge Auftrieb. Diese Aufbruchstimmung hielt den ganzen Sommer über an.
Wie ging es für dich weiter?
Wir diskutierten das im kleinen Kreis, mit den Leuten, die bei den
Vorbereitungen der Opernhaus-Demo dabei gewesen waren. Wir hatten an der
VV gesehen, dass ganz andere Leute am Mikrofon das Wort ergriffen und dass
die Bewegung an Breite zugenommen hatte. Wir beschlossen, unsere Gremien
aufzulösen, weil es nun nicht mehr darum gehen konnte, das eigene Zeug
durchzupushen. Es gab neue Allianzen, und jeder musste für sich selbst
entscheiden, wo und wie er weitermachen wollte. Ich machte in diesem ersten
Sommer, als das AJZ aufging, in mehreren Arbeitsgruppen mit. Wir gaben im
AJZ die erste Zeitung der Bewegung heraus - das «Subito». Ich blieb auch
weiterhin im Kontakt mit der Roten Fabrik.
Gab es auch Enttäuschungen?
Es kam, wie es kommen musste. Man hatte untereinander Probleme. Das AJZ
musste eine Menge soziale Aufgaben wahrnehmen, was eigentlich gar nicht
vorgesehen war: die ganze Drogengeschichte, der Fixerraum. Zu viele
verschiedene Leute wurstelten an den gleichen Sachen herum. Die
zunehmende Repression gab mir schon zu denken, viele in meinem
Freundeskreis sind drangekommen - ich auch.
Wie?
Ein Erlebnis vergesse ich nie. Es gab eine Demo gegen die Wohnungsnot. Ich
wurde von der Polizei mit hundert anderen in eine Tiefgarage beim Kaufleuten
hinabgetrieben. Wir waren in der Falle! Die Schmier kam, völlig aggressiv, die
haben gezittert. Es fehlte nicht viel, und die hätten uns alle mit Tränengas
eingenebelt und zusammengeknüppelt. Wir wurden alle verhaftet. Ich hatte
nachher einen Prozess wegen Landfriedensbruch und wurde zu einer
bedingten Gefängnisstrafe verurteilt. Solche Ereignisse, aber auch die
Strassenschlachten, das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei und das
Niederknüppeln, beschäftigen mich noch heute manchmal in meinen
Angstträumen: ausweglose Situationen, das Gefühl, an die Kasse zu kommen.
Dann merkst du im Verlauf der Jahre, du stehst nicht mehr so in dem drin, bist
jetzt an einem andern Punkt. Und dann tauchen sie plötzlich doch wieder auf -
diese Gewaltszenen, Polizeiszenen. Da merke ich, dass mich das immer noch
nicht ganz losgelassen hat.
Wann kam das Ende der Bewegung?
Ich war dabei bis zur zweiten Schliessung des AJZ am 23. März 1982. Dann
gab es den Kampf gegen die Wohnungsnot - den Häuserkampf.
Wie ging es für dich beruflich weiter?
Ich arbeitete ein paar Jahre in der Betriebsgruppe der Roten Fabrik, dann im
Quartier- und Kulturzentrum Kanzlei. Ich machte auch beim «Lora» mit.
Irgendwann kam der Moment, in dem ich genug hatte von den endlosen
Diskussionen, vom Immer-wieder-von-vorne-Beginnen und wo niemand dem
anderen gute Ideen gönnen mag. Dann stiess ich zu Radio DRS 3, zuerst als
Plattenwäscher und später als Musikredaktor. Ich konnte also Musik, die ich
mochte, ins Programm einbringen und hatte Breitenwirkung.
Parallel zu meiner beruflichen Tätigkeit habe ich mich bis heute immer wieder für
kulturelle Freiräume eingesetzt: zum Beispiel in der Kaserne mit dem
Disco-Syndikat und später das Organisieren von Bar- und
Partyveranstaltungen. Es interessiert mich weiterhin, was mit dem grossen
Kasernenareal geschieht. Für mich bedeutet dieses Areal nach wie vor eine
Chance für die Kultur und das soziale Leben mitten in dieser Stadt. Die letzte
Entscheidung ist da noch nicht gefallen.
Jetzt, da mein Sohn 19 ist, eine Lehre absolviert hat und ausgezogen ist,
suche ich eine Neuorientierung in meinem Beruf. Ein neuer Lebensabschnitt
hat begonnen.
Wie war die Zeit mit deinem Sohn?
Als Steff auf die Welt kam, gab es in unserem Umfeld nur wenige Leute mit
Kindern. Man wohnte in Kommunen und Wohngemeinschaften und dachte:
Was soll das, Kinder? No future! Ein Kind zu haben, angesichts der damaligen
Lage der Welt - das war gar nicht angesagt. Ich reduzierte dann meine Arbeit
und musste mich in der Roten Fabrik noch für Kindergeld und Teilzeitpensen
einsetzen. Da hiess es oft: «Ist ja euer Bier, ein Kind zu machen!» Meine
Freundin und ich arbeiteten also beide Teilzeit und teilten uns in die Erziehung
und Betreuung von Steff - auch später, als unsere Beziehung auseinander
gegangen ist.
Wie beurteilst du rückblickend die Auswirkungen der Jugendunruhen auf
die achtziger Jahre?
In Zürich gab es kulturell einen Nachholbedarf. Die Leute sind aktiv und kreativ
geworden: im sozialen Bereich, in der Drogenarbeit, in den Schulen, beim
Aufbau von sozialen und kulturellen Netzen. Von den Leuten des damaligen
Videoladens, die «Züri brännt» gedreht hatten, sind heute viele mit ihren
eigenen Projekten beschäftigt oder sind in neuen Zusammenhängen tätig.
Ehemalige «Lora»-AktivistInnen sind nun beim Radio, beim Fern- sehen und in
anderen Medien. In der Kunstszene gab es neben den traditionellen Galerien
neue Projekte. Auch in den Quartieren war etwas los. Da und dort wurde ein
Haus besetzt: der Häuserkampf in der Schmiede Wiedikon, am Stauffacher.
Dann kam der Kampf ums Quartier- und Kulturzentrum Kanzlei und später in
den frühen neunziger Jahren die Besetzung der Wohlgroth. Immer wieder sind
so neue Freiräume entstanden.
Was erwartest du von einer Aufarbeitung der 80er-Bewegung?
Man vergisst schnell einmal, was diejenigen gedacht haben, die nicht im
eigenen Grüppli gewesen sind, und dass es noch ganz andere Ansichten und
Analysen gibt. Ich habe diese Bewegung als eine von hunderten, von
tausenden erlebt. Man verzieht sich dann wieder und weiss gar nicht, an
welchen anderen Projekten gearbeitet wurde oder welche Schlüsse andere aus
den damaligen Ereignissen zogen.
Welche Schlüsse ziehst du aus deinen 80er-Erfahrungen?
Dass es sich immer wieder lohnt, sich zu wehren und sich für etwas
einzusetzen, ob das nun parlamentarisch, mit Petitionen oder mit Demos sei -
ob gewaltfrei oder militant auf der Strasse. Und dass man sich dauernd
überlegen soll: Wo kann man etwas erreichen? Ich möchte auch aufzeigen,
dass die Tatsache, dass heute einige 68er und 80er an den Schalthebeln der
Macht sitzen, mit dem zu tun hat, was sich damals auf der Gasse abgespielt
hatte, und dass die heutige kulturelle Vielfalt vor allem auf die achtziger Jahre
zurückgeht. Viele, die in den letzten Jahren von auswärts in diese Stadt
gezogen sind, wissen davon überhaupt nichts - warum was wie entstanden ist
und dass alles erkämpft werden musste, mit Druck und Engagement.