Interview: Stephan Ramming
Heinz Nigg.
Geboren 1949 in Zürich.
Ethnologe und Videoschaffender.
Wie hast du deine Jugend erlebt?
Heinz Nigg: Ich wuchs in Zürich auf, in der Nähe des Hegibachplatzes. Das war
damals eine sozial gemischte Gegend, es gab Arbeiter, Kleinbürger,
Mittelstand. Meine Eltern - die Mutter aus einer grossen Bauernfamilie, der
Vater Sohn eines Facharbeiters - sind nach dem Krieg auf der Suche nach
Arbeit aus dem Bündnerland nach Zürich gezogen. Sie blieben aber eng mit
ihrer Heimat verbunden. Mein Bruder und ich waren in den Ferien oft auf dem
Bauernhof des Grossvaters. Meine Eltern unterstützten und förderten mich, so
gut sie konnten. Meine Mutter ist ein offener und praktischer Mensch und
behauptete sich gut in den für sie neuen städtischen Verhältnissen. Mein Vater
arbeitete fast sein ganzes Leben als Vermieter bei einer Stiftung, die in der
Stadt Zürich günstigen Wohnraum für Leute mit geringem bis mittlerem
Einkommen anbietet. Am Mittagstisch beriet er sich oft mit meiner Mutter über
Probleme und Sorgen seiner MieterInnen. So hatte ich früh eine Art
ethnografischen Zugang zum Zürcher Alltag. Er war der Typ «alte Schule»,
Aktivdienstler, geradlinig, sein Wort hatte Geltung. Das hatte etwas Rigides,
Striktes. Dagegen lehnte ich mich auf.
Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich politisiert hat?
Ich bin in der Jugendkultur der sechziger Jahre aufgewachsen - mit Rockmusik,
Tanzfeten in Beatschuppen und tollen Klamotten. Ich besuchte eine
mathematisch-naturwissenschaftliche Mittelschule und begann mich immer mehr
für deutsche Literatur, Geschichte und Kunst zu interessieren. Ich war ein
begeisterter Pleinair-Maler. Die Malerei war für mich eine Möglichkeit, dem
geistigen Korsett meiner Schule zu entfliehen. Entscheidend für die
Politisierung war mein Austauschjahr in den USA 1967/68. Dort bekam ich die
Hippiebewegung in San Francisco und Chicago mit, verfolgte die
Protestbewegung gegen den Krieg in Vietnam und die Bürgerrechtsbewegung
der Afroamerikaner. Etwa zwei Wochen nach dem Globuskrawall kam ich
ziemlich verändert nach Zürich zurück. Das äusserte sich etwa so, dass ich in
der Schule auf eine Frage des Lehrers nicht mehr wie vorgeschrieben aufstand,
die Antwort gab und mich wieder setzte, sondern einfach stehen blieb und zu
diskutieren anfing. Ich machte in einer Arbeitsgruppe des Zürcher Manifests mit,
lernte die Ethnologen und Psychoanalytiker Mario Erdheim, Fritz Morgenthaler
und Paul Parin kennen und agitierte an der Schule. Als eine Wandzeitung
verboten wurde, kam es zu einem bösen Krach mit dem Rektor - mein erster
Zusammenstoss mit den Autoritäten. Der zweite grosse Clash erfolgte gut zehn
Jahre später, nachdem ich als Lehrbeauftragter des Ethnologischen Seminars
zusammen mit meinen StudentInnen den Videofilm zum Opernhauskrawall1
gedreht hatte und dieser vom damaligen Erziehungsdirektor Alfred Gilgen
verboten worden war. Herr Gilgen sass an einem langen Tisch, eine
Schreibkraft zu seiner Rechten, auf der anderen Seite sassen Professor Löffler
und ich. Der Erziehungsdirektor stauchte den Leiter des Ethnologischen
Seminars wie einen Schulbuben zusammen und fragte am Ende, ob ich noch
etwas zu sagen hätte. Ich stand auf und verliess den Raum. Mein Lehrauftrag
wurde nicht verlängert. Erst seit den neunziger Jahren kann ich wieder an der
Universität Zürich unterrichten.
Du warst 1980 nach einem zweijährigen Feldforschungsaufenthalt in
England frisch zum Doktor der Ethnologie promoviert worden. Wie wurdest
du vom teilnehmenden Beobachter zum Aktivisten der Jugendbewegung?
In der Nacht nach dem Opernhauskrawall wurde mir klar, dass wir mit den
Videoaufnahmen heisses Material besassen. Als wir anderntags die Aufnahmen
zu einem neunminütigen Film geschnitten hatten, mussten wir aufpassen, in
wessen Hände der Film gelangte. Die Tagesschau bot tausend Franken, wir
lehnten ab, denn unser Film zeigte den Krawall aus der Optik der jugendlichen
DemonstrantInnen. Den Film als News-Material für einem Fernsehbeitrag zu
verkaufen, hätte unsere Sicht natürlich verzerrt. Wir zeigten den Film erstmals
zwei Tage später an der Pressekonferenz der Gruppierung «Rock als
Revolte»2, die zur Demo vor dem Opernhaus aufgerufen hatte. Wegen der
Brutalität und Unverhältnismässigkeit des Polizeieinsatzes verursachte der
Videofilm einen Riesenwirbel. Er wurde dann in vielen anderen Städten gezeigt
und war wichtig für das Übergreifen der Revolte auf die ganze Schweiz und auf
Deutschland. Sehr schnell wurde mir bewusst, dass nun nichts mehr war wie
zuvor, auch für mich persönlich. Ich tauchte ab. Eine geregelte Existenz in der
etablierten Gesellschaft schien mir weder möglich noch wünschenswert.
Was heisst «abtauchen»?
Zuerst gab es eine Solidaritätswelle aus dem In- und Ausland, weil die Freiheit
von Lehre und Forschung bedroht war. Professoren von der Royal Academy of
Anthropology in London, aber auch Professoren aus Deutschland und von
anderen Schweizer Universitäten, SchriftstellerInnen und PsychoanalytikerInnen
unterstützten das Ethnologische Seminar im Kampf gegen die
Erziehungsdirektion. Mit einer Geldsammlung konnten wir sogar den
Lehrauftrag eine Weile weiterfinanzieren. Nach der ersten Euphorie wurde
spätestens nach der Beschlagnahmung der Originalvideobänder durch die
Zürcher Staatsanwaltschaft deutlich, dass sich die Verhältnisse gegen mich
gewendet hatten und dass ich mich neu orientieren musste. Ich setzte meine
Arbeit als «Community Video Worker» fort und baute auf dem auf, was ich in
England gelernt hatte: verschiedenen sozialen Gruppen den Zugang zum
damals immer noch neuen Medium Video zu ermöglichen. Partizipatorische
Videoarbeit gab den Leuten ein Sprachrohr für ihre Anliegen in die Hand, die in
den Medien nur wenig Beachtung fanden. Ich realisierte Projekte mit Alten,
Kindern, Jugendlichen, in Quartieren und in alternativen Kulturzentren. So
genannte Politvideos, wie sie damals die Video-BewegungsaktivistInnen in
Zürich, Bern und Basel machten, waren für mich, der auf die Zuwendungen von
Stiftungen, den Kirchen und der Stadt Zürich angewiesen war, keine Option.
Doch blieb ich weiterhin in regem Kontakt mit den Leuten, die ich durch die
80er-Bewegung kennen gelernt hatte. Mit grossem Interesse verfolgte ich die
Eroberung und den Aufbau des Quartier- und Kulturzentrums Kanzlei. Da
entstand mitten in der Stadt ein Treffpunkt, wo ich all meine jugendlichen
Sehnsüchte verwirklicht fand: ein Ort mit Kaffeehaus- und
Grossstadtatmosphäre wie im Roman «Berlin Alexanderplatz» von Alfred Döblin,
ein Ort der urbanen Verdichtung, wo die Interessen, Werte und Neigungen
verschiedenster sozialer Gruppen und Individuen sich kreuzten und in einem
produktiven Wettstreit lagen. Die Zürcher Bewegung bot mir ein soziales Netz,
ohne das ich damals als freier Kulturschaffender kaum über die Runden
gekommen wäre.
Machen wir den Sprung in die Gegenwart. Die dreizehn in der WoZ
publizierten Interviews von dir sind Teil eines grösseren Projektes, die
Jugendbewegung der achtziger Jahre aufzuarbeiten. Was hat dich dazu
motiviert?
Im Laufe der Jahre wurde ich zum Archivar des Videomaterials der
Jugendunruhen in Basel, Bern, Zürich und der übrigen Schweiz. Ab und zu
führte ich Ausschnitte aus dem Material vor, etwa an der Viper in Luzern, in der
Roten Fabrik und im Xenix in Zürich sowie in der Reithalle Bern. Vor allem
jüngere Leute sassen wie gebannt vor der Leinwand, weil sie die Revolten der
achtziger Jahre nur vom Hören her kannten. Im Auftrag von «Memoriav»3
begann ich mit Stöff Burkhard und Mathias Gallati die Tapes systematisch zu
sammeln: Polit- und Actiontapes, aber auch Kunst- und Musiktapes aus dem
Umfeld der Bewegung. Das Bundesarchiv in Bern und das Schweizerische
Sozialarchiv in Zürich beherbergen nun mehr als hundert Tapes. Sie sind der
Öffentlichkeit zugänglich. Es war nur logisch, aus Anlass des Gedenkjahrs «20
Jahre Bewegung» ein Oral-History-Projekt zu initiieren und Beteiligte zu Wort
kommen zu lassen. Mich interessiert vor allem die Frage, wie sich die damaligen
Ereignisse auf ihr weiteres Leben ausgewirkt haben und wo sie heute stehen.
Es geht mir auch um die Bereitstellung von weiteren Materialien - Chronologie
der Ereignisse, Medienberichterstattung über die 80er-Bewegung, Fachartikel -
sowohl auf dem Internet als auch in Buchform, um Jüngeren einen attraktiven
Zugang zur Aufarbeitung der Geschichte der urbanen Revolten der achtziger
Jahre zu ermöglichen. Diese Geschichte ist unentbehrlich für das Verständnis
vom sozialen und kulturellen Wandel der Schweiz der letzten zwanzig Jahre.
In den Interviews hast du dich zwangsläufig auch mit deiner eigenen
Geschichte konfrontiert. Wie bist du damit umgegangen - persönlich und
als Wissenschafter?
Die Klärung des eigenen Standpunkts ist für diese Art von biografischer
Sozialforschung ein Muss. Seit Jahren führe ich beispielsweise Tagebuch und
mache Notizen zu meinen laufenden Arbeiten. Die introspektive Beschäftigung
macht mich wiederum neugierig auf die Lebensgeschichten von anderen. Ich
bin ein leidenschaftlicher Zuhörer.
Wollen die Leute überhaupt über ihre Vergangenheit nachdenken? Ich hatte
den Eindruck, dass nach zwei, drei Wochen starker Medienpräsenz das
Thema der 80er-Jugendbewegung abgehakt war.
Meine Interview-PartnerInnen waren äusserst offen und bereit, sich über die
damaligen Ereignisse zu äussern und sich gleichsam auf eine eigene
Sozioanalyse einzulassen. Sich öffentlich über persönliche Aspekte des
eigenen politischen Engagements zu äussern und sich nicht einfach nur über
Gott und die Welt auszulassen, braucht Mut. Dass sich die Berichterstattung
auf den Gedenkmonat Mai konzentrierte, entspricht den Gesetzmässigkeiten
des Medienbusiness. Mich hat ausserordentlich gefreut, dass doch viele
Medienschaffende zum Schluss gekommen sind, dass die Erfahrungen mit der
80er-Bewegung ein Gewinn ist für unsere Gesellschaft. Vor allem das heutige
offenere Kulturklima wird als Produkt der wilden achtziger Jahre gesehen. Das
ist für mich ein Ansporn, die Erinnerungen an die 80er-Bewegung lebendig zu
halten. In einem Jahr erscheint das Buch «Wir wollen alles, und zwar subito!» im
Limmat-Verlag.
1 Siehe dazu das Interview mit Patrizia Loggia
2 Siehe dazu das Interview mit Markus P. Kenner
3 Der Katalog zum Videoarchiv «Stadt in Bewegung» und weitere
Informationen über dessen Initiierung durch «Memoriav», den «Verein zur
Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz», ist einsehbar unter
www.sozialarchiv.ch