Interview: Heinz Nigg
Stephan Laur.
Geboren 1963 in Basel.
Jobber.
Arbeitet heute als Journalist, Filmemacher und freier Kulturschaffender.
Stephan Laur: Ich bin das jüngste von vier Kindern und komme aus einer
normalen kleinbürgerlichen Familie mit grossbürgerlichem Hintergrund. Alle
meine Geschwister haben eine bewegte Geschichte. Meine beiden zwölf und
dreizehn Jahre älteren Brüder waren in der 68er-Bewegung aktiv. Meine
Schwester erlebte etwas später ihre wilden Zeiten. Mein ältester Bruder ist 1979
an einer Überdosis Heroin gestorben.
Wie war das mit deinen Brüdern?
Ich erinnere mich an ein Sonntagsessen, als die Brüder Lieder von Ton, Steine,
Scherben sangen: «Keine Macht für niemand!» Das hat mich elektrisiert. Als ich
etwa sechs war, nahmen sie mich zu einem Hippie-Treffpunkt am
Barfüsser-Platz mit. Ich sass mit ihnen in einer Runde und wollte auch einen
Zug aus der Pfeife nehmen. Meine Eltern waren verunsichert. Aber sie waren
offen und liberal.
Welche Werte wurden dir vermittelt?
Mein Vater war ein Mensch ohne Illusionen und hat dies nicht verheimlicht.
Meine Mutter kam aus einer sehr katholischen Familie. Sie wurde von ihrer
Familie beinahe verstossen, als sie diesen atheistischen Protestanten heiratete.
Später haben sie sich wieder versöhnt. Wichtig für meine Eltern war einfach,
gute Menschen zu sein und anderen Leuten zu helfen.
Mein Vater war ein Bücherwurm und leidenschaftlicher Buchhändler. Später ist
er bei der chemischen Industrie als Korrektor untergekommen. Er hat sich
wegen uns Kindern für eine sichere Existenz entschieden. Aber er ist ein
Literatur-Freak geblieben. In der Wohnung der Eltern meiner Mutter hingen viele
Bilder von Künstlerfreunden meines Grossvaters, der Architekt war. Wir gingen
oft ins Museum und in Ausstellungen. Ich war als Kind ein grosser Fan von Klee
und Van Gogh.
Habt ihr über Politik geredet?
Ja, im Zusammenhang mit meinen Brüdern, die ja politisch aktiv waren. Sie
waren Mitgründer der progressiven Mittelschüler, aus denen später die Poch
entstand.
Wie muss ich mir dich als Schüler vorstellen?
In der Primarschule gehörte ich zu den Kleineren und wurde als scheues Kind
wahrgenommen. Ich war ein braver und guter Schüler. Im Progymnasium ging
es abwärts. Ich hatte Mühe mit den Lehrern, und meine rebellische Seite kam
immer mehr zum Vorschein. Ich wollte nicht dazugehören. Ich fühlte mich
anders. Aus dem Progymnasium trat ich frühzeitig aus. Ich erlernte keinen
Beruf, sondern hielt mich mit Jobben über Wasser.
Hattest du Freunde?
1976 begann ich den Punk zu entdecken. Im Schulhaus hatte es drei weitere
Punks. Wir wollten speziell sein, nicht normalen Disco-Sound hören, sondern
eben Punk. Zuerst hatte ich noch lange Haare, die behielt ich noch eine Weile,
da die Gruppe Ramones ja auch lange Haare hatte. Dann habe ich sie radikal
geschnitten und eingefettet. Ich spielte in einer Gruppe Gitarre, und später
sang ich auch. Wir übten einmal in einem Jugendhaus, dann in einem
Luftschutzkeller, dann in einem besetzten Haus - überall, wo wir gerade
unterkommen konnten. Während der Punkzeit lebte ich noch grösstenteils zu
Hause und erhielt eine gewisse Unterstützung. Mit sechzehn zog ich von zu
Hause aus. Zuerst lebte ich in der Wohnung meiner ersten Freundin, wo wir
eine WG einrichteten. Wenn jemand Geld verdient hatte, teilten wir es uns.
Wann und wie kamst du mit der Basler Bewegung in Berührung?
Ich war bei den Vorläufern der Bewegung dabei. Ich hing mit den Autonomen
herum und hatte in den von ihnen besetzten Häusern meine ersten
Punk-Auftritte. Das eine hiess «Kinderhaus» und wurde von den Roten Steinen
zusammen mit der Jugendorganisation der Poch besetzt. 1979 begann ich mich
vom Punk zu distanzieren. Ich begann andere Musik zu hören, zum Beispiel die
Doors und Jimmi Hendrix. Ich war immer mehr mit den älteren politischen Leuten
aus der autonomen Szene zusammen. Mir gefiel ihre Radikalität, wie sie die
Gesellschaft ablehnten und wie sie in Kommunen lebten. Dann interessierte
mich auch eine Mischung von radikaler Politik und mystischer Literatur. Ich las
die Schriften des Indianers Rolling Thunder.
Was bedeutete für dich «radikal»?
Die Ablehnung vom konventionellen politischen Weg. Es war für mich zum
Beispiel radikal, wie am 1. Mai 1980 Frauengruppen in Basel das
Rednerpodium stürmten, damit eine Frau reden konnte. Wir hatten regen
Austausch mit den jungen Autonomen von Zürich, so dass wir auch wussten,
was andernorts vorging. Mit meinem Bruder und einem Ex-Punk-Kollegen
schaute ich gerade die Tagesschau, als vom Opernhaus-Krawall in Zürich
berichtet wurde. Das fanden wir grossartig. Endlich geschah etwas in der
Schweiz.
Im bewegten Sommer 1980 war für mich in Basel die Ryffstrasse-Besetzung
ganz wichtig. Die wurde von Teilen der SP, der Poch, den Autonomen und
verschiedenen linken Jugendorganisationen unterstützt. Das war ein gemischter
Haufen, in dem es weiter gärte. In Basel war die 80er-Bewegung also von
Beginn an eine breite Sache, nicht nur eine Jugendbewegung.
Im Februar 1981 fand dann die Grossdemo statt, die zur Besetzung der
Hochstrasse - des Basler AJZ - führte. Sie begann am Barfüsserplatz. Ich traf
dort alte Bekannte, und wir heckten einen Plan aus, wie wir mit einer Finte das
alte Postgebäude besetzen könnten. Mit dem Megafon gaben wir durch: Ab in
Richtung Sommerkasino! Die Polizei überholte uns und ging vors
Sommerkasino, während unser Demozug sich blitzschnell in Richtung
Hochstrasse bewegte. Dort besetzten wir das alte Postgebäude. Wir blieben
achtzig Tage. Ich habe keine Nacht auswärts geschlafen.
Wie viele Leute haben im AJZ gelebt?
Zwischen fünfzig und hundert. Es hatte grosse Schlafsäle. Irgendwo in einer
Ecke hattest du eine Matratze.
Wie habt ihr den Betrieb organisiert?
Die Leute von der Beiz haben sich immer wieder getroffen. Wir waren etwa ein
Dutzend. Es war chaotisch. Wir hatten keine richtige Betriebsstruktur. Es gab
die VV - die Vollversammlung - und ein paar wenige, die im- mer präsent waren
und dafür sorgten, dass es lief.
Was ist dir vom AJZ geblieben?
Highlights waren sicher die guten Konzerte, die wir selbst organisierten.
Ansonsten haben wir enorm viel gekifft, so dass ich mich nicht mehr zu erinnern
vermag, was eigentlich alles geschah: «If you remember the eighties you
haven't really been there!» Das Kiffen war für mich und meinen engeren
Umkreis eine wichtige Sache. Es gehörte einfach dazu. Das Ganze war wie ein
Rausch. Wir träumten von der grossen Gemeinschaft. Wegen den vielen harten
Drogen im AJZ und dem ganzen Siff fand dieser Traum für mich ein abruptes
Ende. Zusammen mit einer Frau habe ich nach ein paar Wochen die WCs
geputzt. Wir mussten Gasmasken aufsetzen, so schrecklich war der Gestank.
Selbst mich, der ich doch durch meine Erfahrungen in besetzten Häusern
abgehärtet war, packte der Ekel: Schichtweise lag die Scheisse da, ein
unglaublicher Duft! Wir mussten alles desinfizieren. Und dann stürzten immer
mehr Leute auf harten Drogen ab. Zur Zeit als das AJZ offen war, wurden alle
wichtigen Treffpunkte für Junkies dicht gemacht, so dass das AJZ ihr einziger
Zufluchtsort blieb. Wir mussten zusehen, wie wir langsam im Sumpf erstickten.
Wir versuchten, uns dagegen zu wehren - auch gegen den Strich im AJZ -,
aber es gab keine verbindlichen Strukturen, und in den einzelnen
Arbeitsgruppen gab es einige, die selbst ab und zu junkten. Es war also nie
eindeutig, wer harte Drogen konsumierte und wer nicht. Dazu kam der Einfluss
von Leuten, die den Heroingenuss und den Strich praktisch als revolutionäre
Handlung propagierten. Sie verbreiteten die Illusion, dass man mit Heroin leben
und damit umgehen könne. Heroin sei der Ausdruck für eine radikale
Verweigerung: sich selber als Arbeitsmaschine verweigern, sich lahm legen und
die Umgebung schockieren. Ein radikaler Bruch mit allem. Und so sind einige
Junge, die vor dem AJZ nichts mit Heroin zu tun gehabt hatten, Junkies
geworden. Im AJZ hast du alles gekriegt, und das hat einfach überbordet.
Hast du nicht ans Aussteigen gedacht?
Ich hatte schon den Anschiss. Aber das AJZ war eine eigene Welt.
Hinauszugehen war schon wie ein Abenteuer. Alle wussten gleich, wer du bist.
Wie siehst du die damalige Zeit im AJZ heute, da du selbst mit
Jugendlichen an Kulturprojekten arbeitest?
Wir hatten es gecheckt! Wir waren ja so radikal! Dadurch grenzten wir uns von
allen ab. Wenn ich heute die Jungen sehe, läuft es nach den genau gleichen
Mustern ab, bei den Hip- Hoppers, bei allen. Wer ausserhalb der eigenen
Gruppe ist, steht daneben. Dies hat auch mit den Bedürfnissen in einem
gewissen Lebensabschnitt zu tun: Geborgenheit in der Gruppe und
Abgrenzung nach aussen, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Besonders
typisch für die damalige Zeit war vielleicht das No-Future-Gefühl, das die
Sprache der 80er-Bewegung prägte. Alle diese absurden Parolen wie: «Freie
Sicht aufs Mittelmeer» und «Macht aus dem Staat Gurkensalat», aber auch der
Song «Eisbär» brachten das Grönland-Gefühl zum Ausdruck, dieses Gefühl der
Hoffnungslosigkeit und der Wut darüber.
Hattest du während deiner AJZ-Zeit noch Kontakt zu deinen Eltern?
Ich ging immer wieder mal nach Hause zum Essen. Sie machten sich Sorgen.
Sie hatten Angst, dass mir das gleiche Schicksal widerfahren könnte wie
meinem ältesten Bruder. Er hat auch gemeint, mit Heroin leben zu können, es
im Griff zu haben.
Hattest du keine Angst?
Der Tod meines Bruders war sicher das prägendste Ereignis in meinem Leben.
Diese absolute Machtlosigkeit angesichts des Todes! Mit sechzehn Jahren war
ich überhaupt nicht darauf vorbereitet. Lange Zeit bildete ich mir ein, dass er
gar nicht gestorben sei. Vielleicht verstärkte der Tod meines Bruders meine
damaligen Weltuntergangsvisionen. Sicher aber machte er mir grossen Respekt
vor harten Drogen.
Welche Rolle spieltest du in der Basler 80er-Bewegung?
Ich war sicher nicht an vorderster Front, aber ich war konstant dabei. Ich machte
in der Beiz mit und entwarf Flugblätter. Es gab Leute, die politisch viel
ambitionierter waren. Das Politische war bei mir eher eine Lebenshaltung, die
ich mir durch meine beiden Brüder angeeignet hatte.
Wie ging es für dich nach den 80 Tagen Basler AJZ weiter?
Wir zogen in besetzte Häuser um, wo all die Probleme vom AJZ in kleinerem
Rahmen weiter bestanden: Drogen, Gassenstrich, Auseinandersetzungen mit
der Rockerszene. Als die Bewegung zu Ende war, ging mein Engagement vor
allem in Dritte-Welt-Gruppen weiter. Ich interessierte mich für das
Zentralamerika-Komitee und fuhr mit der ersten offiziellen Brigade für drei
Monate nach Nicaragua.
Dann jobbte ich weiter und studierte Medien und Publizistik an der Schule für
Angewandte Linguistik in Zürich. Ich betätigte mich journalistisch in Basel, vor
allem anlässlich der Chemiekatastrophe von Schweizerhalle und später rund um
die Alte Stadtgärtnerei. Die Stadtgärtnerei war für mich das, was das AJZ
wirklich hätte sein können: ein gut organisiertes Experiment. Auch war die
Stadtgärtnerei sehr offen: für radikale Autonome ebenso wie für zu absolut
unpolitische Kunstschaffende.
Was haben die 80er-Ereignisse vom AJZ bis zur Stadtgärtnerei der Stadt
Basel gebracht?
Man musste die kulturellen Bedürfnissen der Jugendlichen zur Kenntnis
nehmen. Heutzutage ist gegenüber den Belangen der Jugendlichen eine
grössere Offenheit da. Zu meiner Zeit als Punk gab es nichts! Heute haben wir
eher eine Überfütterung.
Du hast heute eine Familie mit drei Kindern und bist neben deiner
journalistischen Tätigkeit als Kulturschaffender im Jugendbereich aktiv.
Wie hat sich dein Lebensgefühl verändert?
Wut ist etwas, das ich nicht mehr kultiviere. Schon gar nicht als Basis für
politisches und gesellschaftliches Handeln. Daran glaube ich einfach nicht
mehr. Es gibt aber einen Aspekt von No Future, den ich immer noch wichtig
finde: keine Luftschlösser bauen, sondern voll im Moment leben und nicht in der
Zukunft. Das ist für mich eine positive Umsetzung des No-Future-Prinzips.
Trotz des immensen kulturellen Angebots für Jugendliche gibt es immer noch
wenig Freiraum, um selber etwas machen zu können; auch Sachen, die
vielleicht nicht supergut sind. Ich arbeite in kulturellen Projekten mit
Jugendlichen, wo es darum geht, solche Freiräume zu schaffen. Wir
organisieren dieses Jahr ein grosses, dreitägiges Jugend-Kultur-Festival in
Basel und Freiburg i. Br. Mit professionellem Know-how unterstützen wir
Jugendliche dabei, ihre Eigenproduktionen zu entwickeln und in den beiden
Städten vorzuführen; zum Beispiel Tanzproduktionen. Der Inhalt wird von den
Jugendlichen bestimmt.
Die Themen allerdings sind anders als damals. Das Zauberwort heisst «Vielfalt».
Es gibt eine Menge von Lifestyles und Lebenshaltungen, mit denen sich
Jugendliche heute kritisch auseinander setzen müssen. Dazu kommt, dass die
beruflichen Anforderungen an die Jungen gewachsen sind. Die wirtschaftlichen
Bedingungen sind härter geworden. Es geht stärker ums Überleben.