Interview: Heinz Nigg
Claude Hentz.
Geboren 1956 in St. Paul, Minnesota.
Arbeitete als Sekretär im Anwaltskollektiv Zürich und in dessen Rechtsauskunftsstelle.
Heute Rechtsanwalt in der Advokatur Gartenhof.
Mein Vater war Österreicher und stammte aus einer Familie von Berufsmilitärs.
Er studierte Ingenieur. Im Krieg wurde er verletzt und verlor einen Arm. Dank
seiner Sprachkenntnisse wurde er während des Kriegs von den Amis als
Dolmetscher beschäftigt. Dann arbeitete er ein Leben lang als Manager für die
amerikanische Firma 3M. Meine Mutter kommt aus einer streng katholischen
Familie aus dem Wallis und wuchs im Tessin auf. Sie lernte meinen Vater in
Zürich kennen, wo sie als kaufmännische Angestellte auf einer Bank arbeitete.
Sie heirateten, zogen nach St. Paul, Minnesota, wo sich der Hauptsitz von 3M
befindet, und hatten drei Kinder. Mit 27 erkrankte meine Mutter an Krebs, und
wir kehrten mit ihr in die Schweiz zurück. Als sie starb, war ich gerade vier Jahre
alt. Mein Vater heiratete wieder, und durch ein Entgegenkommen seiner Firma
wurde er nach Europa versetzt, zuerst nach Basel, dann nach Lausanne, Wien
und zuletzt nach Zürich.
Wie hattest du dich in Zürich eingelebt?
Wir wohnten zuerst in Seebach in einem modernen Wohnblock, umgeben von
vielen Genossenschaftshäusern. Das war ein raueres soziales Umfeld als in
Wien, wo ich die amerikanische Schule besuchte und ein von Jesuiten
geführtes Knabeninternat. Nun musste ich mich wehren, mich prügeln und den
Mädchen imponieren. Mit meinem österreichischen Akzent wurde ich als
Ausländer angeschaut. Ich machte die fünfte und sechste Primarklasse in
Seebach und ging ins Gymnasium Freudenberg. Das war im Jahr 1969 -
während einer sehr aufmüpfigen Zeit! Ein Maturand wurde gerade von der
Schule geschmissen. Es ging darum, dass sich die Schüler nicht politisch
äussern durften - auf Wandzeitungen und in der Schülerzeitung. Auch wenn
ich ein scheuer Erstklässler war, spürte ich diesen Nimbus von Frechheit und
vom Sich-nicht-Einordnen. Bei den Lehrern hatte es rebellische Geister. Mein
Spanischlehrer war zum Beispiel Fritz Zorn, der mit seinem Buch «Mars», einer
schonungslosen Abrechnung mit dem Grossbürgertum, berühmt wurde.
Wie war das Klima in deiner Familie?
Die Frau hielt die Familie zusammen, und mein Vater brachte das Geld nach
Hause. Meinem Vater waren Leistung und Karriere sehr wichtig. Was er von uns
im Hause abverlangte, hat er auch selbst erbracht, obwohl ihm ein Arm fehlte.
Er machte alles. Es war aber gegenüber uns Kindern nicht fordernd, sondern
eher liebevoll. Während der Pubertät wurde es schwierig. Mein zwei Jahre
älterer Bruder hatte überall Lämpen und war von zu Hause ausgerissen. Auch
ich zog mit sechzehn von zu Hause aus, weil es immer wieder zu
Auseinandersetzungen gekommen war. Meine Eltern fanden für mich ein
Zimmer bei einer Schlummermutter mitten in der Stadt. Von dort aus ging ich
weiter zur Schule.
Wie war das, so auf dich selbst angewiesen zu sein?
Weil mein Sackgeld nicht reichte, ging ich heimlich auf die Sihlpost als
Expressbote arbeiten. Mit dem Velo fuhr ich in der ganzen Stadt herum und
verteilte Expressbriefe und Telegramme. Damals bekam man noch einiges
Trinkgeld. In die Telegramm-Couverts konntest du hineinblasen und so den
Text lesen. Handelte es sich um eine freudige Nachricht, bist du besonders
freundlich gewesen. Bei etwas Dramatischem hast du eher eine ernste Miene
aufgesetzt. Auf der Sihlpost lernte ich ein lustiges Konglomerat von Leuten
kennen. Da hatte es Hippies, Freaks, Studenten und Mittelschüler wie ich.
Meine erste grosse Liebe war eine Arbeitskollegin. Sie stand kurz vor der Matur,
war also etwas älter als ich. Schon bald lernte ich das Kommuneleben in Zürich
kennen. Zusammen mit meiner Freundin und sechs anderen Leuten gründeten
wir eine eigene Wohngemeinschaft an der Selnaustrasse. Ich war damals an
allem interessiert, was mit neuen Wohnformen zu tun hatte.
Was machtest du nach der Matura?
Ich wollte nicht studieren und fand einen Job als Hauslehrer in der Familie eines
Rechtsanwalts. Ich gab den Kindern Nachhilfeunterricht und hütete sie, wenn
die Eltern weg waren. Auch machte ich Putzarbeiten. Ich befreundete mich mit
dieser Familie, und im Hause dieses Anwalts roch ich zum ersten Mal an der
Juristerei. Über gemeinsame Wohn- und Arbeitsprojekte lernte ich später die
Leute vom linken Anwaltskollektiv in Zürich kennen und begann dort Anfang
1980 als Sekretär zu arbeiten. Das heisst, ich erledigte anfänglich
Schreibarbeiten für die Anwälte. Das Anwaltskollektiv wurde 1975 gegründet
und kam mit seiner täglichen Rechtsauskunft einem grossen Bedürfnis
entgegen: Für zwanzig Franken konntest du eine Beratung erhalten, häufig
haben sie für dich noch einen Brief geschrieben oder ein Telefon gemacht. Das
war gegen alle Tarifstrukturen und Konventionen, so dass du möglichst
niederschwellig zu deinem Recht kommen konntest.
Wie hast du auf den Ausbruch der Unruhen im Frühjahr 1980 reagiert?
Schon nach der ersten Krawallnacht wurden wir im Anwaltskollektiv damit
konfrontiert, dass unzählige Leute verhaftet worden waren. Wir begannen einen
Anwaltspool zu organisieren und Anleitungen herauszugeben, wie man sich
verhalten soll, wenn man verhaftet wird: Was sind deine Rechte, und wann soll
man Aussagen verweigern. Mein Kontakt zur 80er-Bewegung war intensiv. Im
Anwaltskollektiv hatten wir noch einen zweiten Stock. Den stellten wir der
spontan gebildeten Knastgruppe zur Verfügung. Da war ich von Anfang an
dabei. Das war eine spannende und konspirative Tätigkeit. Die Knastgruppe
war eine Anlaufstelle für alle, die in die Fänge der Justiz gerieten. Wir bereiteten
Strafanzeigen gegen Polizisten vor, die wir bei Übergriffen gegen
DemonstrantInnen ertappt hatten.
Welches war die Taktik der Verteidigung, wenn DemonstrantInnen vor dem
Richter standen?
Wenn jemand die Aussage verweigerte, hatte die Anklage die Beweislast. Sie
musste nachweisen, dass der Angeklagte an einem bestimmten Ort gewesen
war. Zeugen mussten aufgeboten werden, um bei einer Gegenüberstellung mit
dem Angeklagten und einer Gruppe von ähnlich aussehenden Personen richtig
zu tippen. Wenn sie danebentippten, wurde das Verfahren eingestellt. Der
Justizapparat investierte allerdings viel, um die Leute verurteilen zu können.
Wurden bei den Veurteilungen auch mildernde Umstände berücksichtigt?
Wesentlicher war, dass Exponenten der Bewegung und solche, die sich den
Strafverfahren verweigerten, härter bestraft wurden. Es gab etliche, die keine
mildernden Umstände für sich geltend machen liessen oder sich den Prozessen
gänzlich verweigerten wie der durch seinen Fernsehauftritt als «Herr Müller»
bekannt gewordene Aktivist. An ihm wurde ein Exempel statuiert. Als eine der
Symbolfiguren der Bewegung deckten sie ihn mit einer Strafe von vierzehn
Monaten unbedingt ein.
Welche psychischen Auswirkungen hatten die Strafverfahren auf die
Verurteilten?
Es kam ganz drauf an, wie gut jemand in eine Szene eingebettet war. Wenn
einer verhaftet wurde, der zum Beispiel in einer Kommune oder in einer
Wohngemeinschaft lebte, kümmerten sich die MitbewohnerInnen natürlich um
ihn und holten Rechtshilfe. Wenn dann eine wegen eines Vergehens drei oder
vier Wochen Gefängnis erhielt, war dies für jemanden aus einer solchen Szene
einigermassen verkraftbar. Ganz anders war das zum Beispiel für einen
Lehrling, der bei einer Demonstration mitmachte und verhaftet wurde. Natürlich
war er vielleicht auch mit Kollegen dort. Aber den ganzen Konflikt, den er
nachher hatte - mit den Eltern, dem Lehrmeister und mit der Frage, wie es für
ihn weiterginge -, musste er alleine austragen. Viele, die nicht gut vernetzt
waren, sind abgestürzt und aus der Bewegung wieder herausgespült worden.
Die haben wirklich einen Schuh voll herausgezogen. Etliche Drogenkarrieren
nahmen damals ihren Anfang.
Auch darf man nicht die Wirkung der Untersuchungshaft unterschätzen. Am
Anfang der Unruhen, als ich einmal verhaftet wurde, war ich nach zwanzig
Stunden wieder draussen. Aber manche sassen viel länger in U-Haft, zwei
Wochen und mehr. Das war ein Instrument, um Druck auf die Bewegung zu
machen und uns zu verstehen zu geben: Jetzt lassen wir nichts mehr durch.
Wie ging es für dich und das Anwaltskollektiv nach dem Ende der
Bewegung weiter?
Gegen tausend Leute wurden allein in Zürich in Strafverfahren verwickelt,
kamen also in die Mühlen des Apparats hinein. Viele wurden verurteilt, auch
wenn es kleinere Strafen waren. Auch das zeigte seine Wirkung.
Charakteristisch für die 80er-Bewegung war ja die Vielfalt der Ausdrucksformen
- von militant bis dadaistisch witzig. Jetzt blieben die Fronten verhärtet, und die
Militanz durch einzelne Gruppen nahm zu. Es kamen die Winterthurer Prozesse.
Da ging es um militante Jugendliche, die durch einen Sprengstoffanschlag auf
den Fensterladen von alt Bundesrat Friedrich sowie durch eine Reihe von
Brandanschlägen und Sprayereien in der Stadt Winterthur aufgefallen waren.
Das ganze Umfeld des harten Kerns wurde eingesackt. Meine Aufgabe war es,
Anwälte für diese dreissig Leute aufzubieten und eine Gruppe von betroffenen
Eltern zu koordinieren. Mit der Knastgruppe wurde eine Demo organisiert. Das
war dringend notwendig, weil in Winterthur die Repression unerbittlich
zugeschlagen hatte, ungeachtet des Alters der Verhafteten, ihrer
Lebensumstände und ihrer Rolle in dieser Szene. Das Umfeld und die
Freundinnen wurden zum Beispiel in Untersuchungshaft gesetzt, um mit Druck
Informationen über den harten Kern, die «bösen Buben», zu kriegen In dieser
Situation änderten wir im Anwaltskollektiv unsere Taktik. Es war eine Abkehr
vom Klandestinen. Mit Witz stellten wir uns öffentlich hinter die Jugendlichen.
Während zehn Tagen kochten wir in einer Szenenbeiz von Winterthur. Das
machte Spass und zeigte allen, wie wichtig die Solidarität mit den Anliegen der
Jugendlichen war, auch wenn man mit ihrer Politik und ihrem Vorgehen nicht
immer einverstanden war. Auch später, bei den Häuserbesetzungen am
Stauffacher in Zürich, setzte sich die Abkehr vom Klandestinen zum
öffentlich-witzigen Agieren durch.
Wie konntet ihr den Andrang in eurer Rechtsberatung bewältigen?
Wir konnten das alles nicht mehr alleine machen. Wir schufen ein neues
Gebilde: den Verein Rechtsauskunftsstelle Anwaltskollektiv. Diese
Beratungsstelle gliederten wir aus unserem Kollektiv aus. Sie blieb zwar am
gleichen Ort, aber die Arbeit wurde auf mehr Anwältinnen und Anwälte verteilt.
Heute sind es etwa siebzig AnwältInnen, die die Rechtsauskunft mit einem
monatlichen Beitrag unterstützen und im Turnus Beratungen erteilen. Zehn
Jahre war ich Generalsekretär dieses Vereins, baute ihn auf und aus. Ich
machte das sehr gerne, und nebenbei war ich und die Rechtsauskunftsstelle an
mehreren politischen Kampagnen beteiligt: gegen den Neubau von
Gefängnissen, gegen das Polizeigesetz oder für die Initiative «Rechtsschutz in
Strafsachen». Auch initiierten wir das Pikett «Strafverteidigung». Das ist ein
Pikettdienst, der im Falle von Verhaftungen Anwälte organisiert. Nach zehn
Jahren machte ich einen Unterbruch von einem halben Jahr, fuhr nach
Südamerika und lebte auf einem Segelboot, um mir den Kopf zu verlüften.
Dann entschloss ich mich, nach so vielen Erfahrungen mit der Justiz neben
meiner Arbeit das Jus-Studium nachzuholen und das Anwaltspatent zu
erwerben. Seither praktiziere ich als Anwalt im gleichen Umfeld, wo ich nun seit
zwanzig Jahren tätig bin, allerdings mit einer neuen Crew. Unser Büro ist vor
allem im Strafbereich engagiert. Wir organisieren jährlich einen
Strafverteidigerkongress, um dem gegenwärtigen Rollback im Strafrecht und im
Strafvollzugsrecht etwas entgegenzusetzen. Wir sind dagegen, dass
gesellschaftliche Probleme primär mit strafrechtlichen Mitteln angegangen
werden oder mit dem Mittel der Psychiatrisierung.
Lohnt es sich, gegen Unrecht einzustehen?
Ich komme aus der linken Tradition der siebziger Jahre, angefangen vom
Gefängniskritiker Foucault bis hin zur Auseinandersetzung um Baader/Meinhof
und RAF. Aus dieser Tradition der radikalen Staatskritik heraus stellt das
Strafen im Grunde einen Unsinn dar. Der Repressionsapparat wird immer dann
eingesetzt, wenn eigentlich gesellschaftliche Konflikte gelöst werden müssten.
Gerade die Achtziger setzten demgegenüber alles auf die Autonomie, das
heisst auf das eigene Lösen von Problemen. Der Staat hätte die hohen Kosten
der Repression im Drogenbereich durchaus sparen können, wenn dem
Experiment der kontrollierten Drogenabgabe im AJZ mehr Beachtung geschenkt
worden wäre. Die Idealvorstellungen einer repressionsfreien Gesellschaft liegen
heute am Boden. Bis weit in linke und feministische Kreise hat sich das Primat
der Strafverfolgung durchgesetzt. Beim Umweltschutz, bei den Sexualstraftätern
- überall wird auf Bestrafung gepocht. Mit diesem Selbstverständnis werden
wichtige Instrumente der Prävention, des gesellschaftlichen Diskurses und der
Selbsthilfe geopfert: in Zürich die Gassenarbeit der ZAGJP, das Frauenhaus,
ein Treffpunkt für Kosovo-Albaner usw. Das hat einen grossen Flurschaden
verursacht. Die Gesellschaft muss fähig sein, sich zu verändern und neue
Ansätze der Konfliktlösung zu finden, ohne auf die repressiven Instrumente
zurückzugreifen und im Strafen zu verharren.