Interview: Heinz Nigg
Christine Goll.
Realschullehrerin und Journalistin.
Heute freiberuflich in der Erwachsenenbildung tätig und Geschäftsleiterin «Dachverband Schuldenberatung». SP-Nationalrätin und -Vizepräsidentin.
Mit meinen beiden jüngeren Geschwistern bin ich in Zürich aufgewachsen, und
ich fühle mich durch und durch als Stadtzürcherin. Meine Mutter ist Italienerin.
Als Arbeitsmigrantin kam sie nach dem Krieg in die Schweiz, arbeitete im
Gastgewerbe und lernte hier meinen Vater kennen. Er war Drucker. Da beide
erwerbstätig waren, mussten wir Kinder schon früh auf uns selber abstellen. Das
war eigentlich ganz gut so: Ich lernte zu verantworten, was ich selber machte.
Dadurch dass meine Mutter arbeiten ging, zeigte sie mir, wie wichtig es ist,
finanziell unabhängig zu sein. Obwohl sie nicht viel verdiente, war sie stolz
darauf, einen materiellen Beitrag an die Familie zu leisten.
Hast du auch etwas von ihrer «Italianità» mitbekommen?
Sie hat keine Hemmungen, beim Streiten laut zu werden. Das ist vielleicht ein
Cliché, aber bei ihr ist das so, und ich fand das nie negativ. Hingegen fand ich
es mühsam, wenn ich in Familien von Schulkolleginnen und Schulkollegen sah,
wie Emotionen einfach unterdrückt wurden. In unserer Familie konnte es Streit
geben, aber nachher war alles wieder gut.
Welche Rolle spielten Religion und Politik in eurer Familie?
Die Religion war kein Thema. Die Tatsache, dass ich aus einfachen
Verhältnissen komme, hat mich geprägt. Das fing schon beim Sackgeld an: zu
sehen, wie viel andere Kinder zur Verfügung hatten, deren Eltern mehr
verdienten; zu hören, wie mein Vater als Jugendlicher darunter gelitten hatte,
dass er nicht studieren konnte, weil es damals noch keine Stipendien gab. Und
dann in der Schule zu merken, dass es nicht nur darauf ankommt, wie gescheit
du bist, sondern ob du auch gefördert wirst. Die soziale Frage war für meine
Entwicklung entscheidend.
Du hast die Sekundarschule gemacht und danach die Mittelschule
absolviert. Wie hast du diesen sozialen Aufstieg erlebt?
«Ein Kind aus der Arbeiterklasse gehört nicht ins Gymnasium!», hiess es nach
der sechsten Klasse trotz bester Schulnoten. Aber meine Primarlehrerin machte
mir Mut: «Versuch den Übertritt in die Mittelschule nach der Sek. Das ist
vielleicht sogar besser für dich.» Da hatte sie nicht Unrecht. Ich hätte das
fremde soziale Umfeld im Gymi vielleicht gar nicht ertragen. Während der
Mittelschule hielt ich den Kontakt zu meinen Freundinnen und Freunden aus
der Sekundarschule weiterhin aufrecht. Die meisten machten eine Lehre. Da
konnte ich gut den Unterschied zu uns MittelschülerInnen sehen: Während die
StiftInnen bereits im Arbeitsleben standen, konnte ich mich noch voll aufs
Lernen konzentrieren. Ich fühlte mich privilegiert. Nach der Matura machte ich
das LehrerInnen-Seminar. Mein erster Lohn als Reallehrerin war höher als das
Einkommen, das mein Vater zur gleichen Zeit kurz vor seiner Pensionierung
hatte.
Wie wurdest du politisiert?
In der Sekundarschule hatten wir zum Teil repressive Lehrer, die uns mit
Kleidervorschriften einengten: Du durftest nicht mit Plateauschuhen, Minijupes
oder mit kurzen Hosen, den so genannten Hot Pants, in die Schule kommen.
Natürlich hielten wir uns nicht an ihre Verbote, um sie erst recht zu nerven.
In der Mittelschule boykottierten wir die so genannte Rüebli-RS. Das war die
Hauswirtschaftsschule, die «Husi», die damals für alle Mädchen noch
obligatorisch war. Ich hatte Kontakt zur «Meitli-Gruppe» der
Frauenbefreiungsbewegung (FBB), die eine Broschüre über den Husi-Boykott
herausgab. Ausserhalb der Schule machte ich beim Maulwurf mit. Das war die
Jugendorganisation der RML, der Revolutionären Marxistischen Liga. Wichtiger
als die so genannten Schulungskurse mit stinklangweiligen Frontalmonologen
der Gurus und der ideologische Schlagabtausch mit den anderen damaligen
Linksgruppen war für mich der soziale Zusammenhalt: miteinander an einem
Wochenende wegfahren, während der Schulferien eine Hütte mieten und
nächtelange Diskussionen über Politik, Beziehungen und unsere Träume
führen.
Noch während ich im LehrerInnen-Seminar war, begann ich mich in den
Gewerkschaften zu engagieren. Mich interessierte der Aufbau von
Frauenstrukturen. Mit anderen Gewerkschafterinnen initiierte ich Ende der
siebziger Jahre die 'Gewerkschaftliche Kontakt- und Informationsstelle für
Frauen'. Im Zürcher Kreis 4 eröffneten wir ein Ladenlokal und machten konkrete
Beratungs- und Bildungsarbeit für Frauen. Damit wollten wir einerseits mehr
Frauen für die Gewerkschaften gewinnen und andererseits die Gewerkschaften
mehr dazu verpflichten, sich stärker frauenpolitisch zu engagieren.
Du stecktest also schon fest in der politischen Basisarbeit, als in Zürich
1980 die Unruhen ausbrachen. Wie hast du darauf reagiert?
Am 30. Mai war ich mit Freunden in der Stadt am Limmatquai unterwegs, als ich
plötzlich sah, wie eine Gruppe von Leuten, die ich zum Teil kannte, damit
beschäftigt war, Pflastersteine auszugraben. Ich erinnere mich noch, wie ich sie
erstaunt fragte, was sie da machten. Am andern Tag erfuhr ich dann aus der
Presse, wie es vor dem Opernhaus zu Krawallen gekommen war.
Hat dich diese Welle von Demos überrascht?
Ja, schon. Gleichzeitig war für mich dieser Aufruhr erklärbar. Die etablierte Kultur
in dieser Stadt verfügte über viel mehr Mittel als die alternative Kulturszene. Die
Jungen und die oppositionellen Kulturschaffenden hatten das gleiche Problem
wie die Frauenprojekte: kein Geld und keine Räume.
Aber ich war ambivalent. Einerseits fand ich es gut, sich zu wehren. Manchmal
braucht es Provokationen gegen die Arroganz der Mächtigen, um etwas zu
erreichen. Andererseits wusste ich, dass du mit Einwerfen von Scheiben keine
Überzeugungsarbeit in breiten Bevölkerungskreisen machen kannst. Ich habe
mich nie mit der 80er-Bewegung identifiziert, und doch hatte ich viele
Berührungspunkte mit Leuten, die darin aktiv waren. Mit der Bewegung verband
mich vor allem die Raumfrage: Orte zu finden, die als soziale Knotenpunkte
dienen, als Treffpunkte für Kultur- und Bildungsarbeit.
1984 wurde das Kultur- und Quartierzentrum Kanzlei erobert. Damit kam
Zürich doch noch zu seinem autonomen Zentrum. Was bedeutete das
Kanzlei für dich und deine Bildungsarbeit?
Für mich war das Kanzlei enorm wichtig. Ich erinnere mich, wie die
verschiedensten Gruppen aus dem Quartier und aus der versprengten
80er-Bewegung die Räume des alten Schulhauses einfach belegten. Ich stand
da drin und war begeistert: «Läck, wie heiss! Endlich haben wir Räume zum
Lernen!» Die Frauen eroberten eine ganze Etage für sich. Zusammen mit
anderen begann ich im obersten Stock des Kanzlei das Büro für die «Zürcher
Volksuni» einzurichten.
Die Volksuni fand zwischen 1984 und 1987 dreimal statt und war ein Versuch,
alle bestehenden sozialen Bewegungen wie die Frauenbewegung, die
Gewerkschaften, die ökologischen Gruppierungen, die Gesundheitsbewegten,
die Friedensbewegung und die kritischen WissenschaftlerInnen und ChristInnen
zu einem Erfahrungsaustausch, zu einem Lernfest zusammenzubringen. Es war
ein Bedürfnis da, zu reflektieren, was wir eigentlich machten, da die Politszene
stark zersplittert war. Exemplarisch für diese Situation war die alte
Frauenbewegung, die sich in eine Frauenprojektebewegung aufgespalten
hatte. Aus der FBB waren viele Projekte von Frauen in Gratisarbeit entstanden:
Frauenhäuser, Nottelefone und andere Beratungsstellen. Die Lernfeste der
Volksuni hatten eine unglaubliche Anziehungskraft. Es kamen auch Leute, die
ich noch nie im Kanzlei oder an einer Demo gesehen hatte. Das Kanzlei wurde
immer mehr zu einem Treffpunkt für verschiedenste Gruppen. Es gab unter
anderem ein Kafi, das Kino Xenix, die Frauenetage, einen Kindergarten, den
historischen Verein Aussersihl, verschiedene AusländerInnen-Gruppen, eine
Videowerkstatt und eine Frauen-Mitfahr-Zentrale. Ich selbst verdiente mein Geld
im Impuls, einem Treffpunkt für Erwerbslose, den wir bewusst im Kanzlei
einbetten wollten. Diese Durchmischung des Kanzlei fand ich äusserst
spannend.
Was hat die Vernetzungsarbeit der Volksuni bewirkt? Zum Beispiel bei den
Frauenprojekten?
Auf der Frauenetage organisierten wir regelmässige Kurse mit zum Teil über
fünfzig Teilnehmerinnen, um aus der Geschichte der Frauenbewegung zu
lernen. Wir gründeten den 'Wyberrat'. Er entstand direkt aus der Volksuni und
war eine Vernetzung von verschiedensten Frauenorganisationen und
Frauenprojekten in Zürich. Um die Vielfalt dieser Aktivitäten aufzuzeigen, gaben
wir eine Broschüre mit allen Kontaktadressen heraus. Aus dem «Wyberrat»
starteten wir unkonventionelle Aktionen. Unter dem Motto «Denk' mal an Frau!»
verwandelten wir beispielsweise in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alle
Männerdenkmäler der Stadt Zürich in Frauenfiguren. Damit eröffneten wir den
Kampf um das Frauenkulturzentrum in den Zeughäusern der Kaserne, gleich
neben dem Kanzlei.
Die interessanten politischen Projekte und Aktionen der achtziger Jahre
waren vorwiegend ausserhalb der politischen Institutionen angesiedelt.
Wie und warum machtest du den Schritt ins Parlament?
Im «Wyberrat» wurde die Diskussion über parlamentarische oder
ausserparlamentarische Politik sehr heftig geführt. Ich konnte dem nicht viel
abgewinnen. Deshalb beteiligte ich mich 1986 an der Gründung von «Frauen
macht Politik!» (FraP!) und wurde prompt in den Zürcher Kantonsrat gewählt.
Ich bin auch heute, da ich nun seit mehreren Jahren in der SP und im
Nationalrat politisiere, weiterhin der Überzeugung, dass es eine Vernetzung
aller fortschrittlichen Kräfte in den und ausserhalb der politischen Institutionen
braucht, um in diesem Land etwas bewegen zu können. Es genügt nicht, auf
der Strasse für Forderungen zu demonstrieren. Es braucht die Vernetzung mit
PolitikerInnen. Umgekehrt ist es mir ein Anliegen, die SP bewegungspolitisch zu
stärken. Die SP ist eine grosse Partei und verfügt zusammen mit ihrem Umfeld
über ein unglaubliches Potenzial an kompetenten und motivierten Fachleuten
aus den verschiedensten Bereichen. Aber diese Leute musst du auch holen
und einbeziehen.
Ich politisiere also nicht nur in der Partei und im Parlament. Genauso wichtig ist
für mich weiterhin die Bildungsarbeit an der Basis. Das gibt mir Bodenkontakt.
1987 machte ich mich beruflich selbständig und gebe seither die
verschiedensten Kurse: In den Gewerkschaften und für sozial Tätige, unter
anderem auch für Frauen- und Behindertenorganisationen. Ich unterstütze die
Leute beim politischen Lobbying: Wie kann ich meine Anliegen besser
durchsetzen? Wie trete ich vor den Medien auf? Es geht mir dabei in erster
Linie um die Stärkung des Selbstvertrauens.
Welches sind die Folgen und Auswirkungen der aktions- und
basisorientierten Bewegungspolitik der achtziger Jahre?
Wenn ich sehe, dass uns das Kanzlei durch eine Volksabstimmung Anfang der
neunziger Jahre wieder weggenommen wurde, dann haben wir in Zürich
verloren. Auf der realpolitischen Ebene hat doch ein Umdenken stattgefunden.
Zum Beispiel in der Drogenpolitik. Eine Mehrheit der Stimmbürgerinnen und
Stimmbürger hat eingesehen, dass die ärztlich kontrollierte Drogenabgabe ein
gangbarer Weg ist. Da nimmt die Schweiz nun eine Pionierrolle ein. Das ist zwar
bescheiden, aber nicht selbstverständlich, wenn du bedenkst, wie in dieser
Frage die Fronten jahrelang verhärtet waren.
Was können die heutigen Jungen von den unruhigen achtziger Jahren
lernen?
Die Raumeroberung für soziale, politische und kulturelle Projekte war damals
eine wichtige Sache. Damit verbunden war das Entstehen eines neuen
Selbstbewusstseins: Es ist wichtig, sich konkrete Ziele zu setzen und diese
dann auch durchzuziehen.