Interview: Heinz Nigg
Giovanni Schumacher, bekannt als Fashion.
Geboren 1961 in Bern.
Autodidakt und Jobber.
Heute Geschäftsleiter einer Genossenschaftsbeiz in Thun.
Giovanni Schumacher: Ich bin in Bern aufgewachsen. Mit elf haben sich
meine Eltern getrennt. Wir sind bei der Mutter aufgewachsen. Ich bin der Älteste
von drei Kindern. Mit zwölf hatte ich eine Jugendbande in Rüfenacht, in einem
aus dem Boden gestampften Vorort von Bern. Wir waren sechzig Goofen,
hatten eine eigene Zeitung, sehr einfach. Mit einem Matrizendrucker schafften
wir es auf vier Nummern. Den erhielten wir von der Kirche. Mit der Kirche hatten
wir sonst nichts zu tun. Die wollten uns in geordnete Bahnen lenken, weil wir
Baustellen geplündert und Bretter geklaut hatten, um einen eigenen
Robinson-Spielplatz zu bauen. Damals war natürlich eine allein erziehende
Mutter mit drei Kindern, die arbeiten ging, für jedes Sozialamt ein Fall zum
Eingreifen. Als ich elf war, kamen mein Bruder und ich für zwei Jahre ins
Waisenhaus.
Da fällt mir ein schönes Ereignis ein. Der Pfarrer im Waisenhaus wollte, dass ich
meine Stiefel am Samstag putze, weil wir am Mittwoch nicht frei hatten, weil wir
den Saustall ausmisten mussten. Er war hässig, aggressiv und drohte mir mit
Massnahmen. Ich fand: nein, auf mich warten 25 Goofen - ich war schon als
Junger Führer bei den Pfadfindern und hatte eine Übung geplant. «Nein, die
Stiefel putze ich nachher», sagte ich. Seine Autorität war gebrochen. Ich habe
das Bild noch deutlich vor mir, wie er mir vom Waisenhaus aus nachrennt
hinunter zum Schosshalden-Bus. Da kommt ein Taxi. Der Fahrer fragt mich, ob
ich es eilig habe. Ich sage ja und steige ein, der Pfarrer rennt hintendrein, und
ich bin schon weg.
Wie war das mit den Pfadfindern?
Das war eine wichtige Zeit für mich. Mein Name Fashion ist eigentlich mein
Pfadfinder-name. Wir hatten Hippies als Führer, so Rand-68er. Die waren
Freaks und wollten einfach das Leben geniessen. Sehr schnell habe ich
Verantwortung für Kinder übernommen. Wir waren die einzige Pfa, die Knaben
und Mädchen aufnahm - Koedukation. Das war damals noch verboten. Wir
wurden deswegen aus der Pfadi ausgeschlossen und gründeten eine
gemischte Pfa in Bern.
Welche Erfahrungen hast du mit der Schule gemacht?
Durch den Wohnortswechsel kam ich immer wieder in eine neue Schule. So
wurde ich früh zum Einzelgänger. In der zweiten Klasse kam ich zu einer
schlimmen Lehrerin. Die fand, wir Schumacher-Kinder seien schulisch nicht
präsent. Wir mussten in die Jugendberatung. Da war immer dieses Jugendamt
mit der Drohung: Wir nehmen euch die Kinder weg.
Meine Mutter war eine Powerfrau, die sich durchsetzen konnte. Wir Kinder
hatten nicht das Gefühl, wir hätten zu wenig. Klar, wir waren nicht reich, doch
sahen wir schon, dass andere Kinder zu Ostern ein Velo erhielten und wir
nichts. Ich kann mich erinnern an die zweite oder dritte Klasse, wie wir mit ihr am
Morgen um vier Uhr das Kino putzen gingen. Sie nahm uns mit, weil sie Angst
hatte, wir würden zu Hause Unheil anrichten. Von der zweiten Klasse an kam
ich in eine Kleinklasse für Kinder mit Lernschwierigkeiten. Mich hat das total aus
meiner Müdigkeit aufgeweckt. Ich hatte nun jüngere Lehrerinnen, die Energie
hatten und kreativ waren. Wir waren auch weniger Schüler.
Wie ging es nach der Schule weiter?
Ich habe viel gejobbt. Eine Ausbildung im eigentlichen Sinn machte ich bis
heute nicht.
Wie bist du als Jugendlicher in die 80er- Bewegung gekommen?
Durch verschiedene Anlässe sind wir von der Pfa mit dem Jugendzentrum
Gaskessel in Kontakt gekommen. Das war ein Produkt aus der 68er-Bewegung.
Schon bald kam es zu einem Konflikt. Erstens protestierten wir gegen die
Eintrittskosten, weil wir kein Geld hatten, und zweitens störten wir uns daran,
dass immer ein Securitas-Mann an der Türe stand, denn wir sahen nicht ein,
was der da sollte, ausser dass er das Vereinsbudget belastete. So gründeten
wir die «Ästhetische Gruppe». Wir begannen mit Mitbenützern vom Gaskessel
zu diskutieren, Plenen zu organisieren. Dann kamen Studenten von der Uni, die
damals einen Vortrag von Jeanne Hersch gestört hatten. Die waren sehr
politisiert. Ich habe sie zwar nie richtig verstanden, weil sie halt wie Studenten
intellektuell daherredeten. Ich besuchte sie in ihrer Wohngemeinschaft, ass und
diskutierte mit ihnen. Das war meine erste politische Schulung.
Ich begann zu organisieren. Ich machte 1977 mit dem Soldatenkomitee eine
Veranstaltung zur Militärdienstverweigerung. Dann organisierte ich eine
Veranstaltung mit Günter Amendt über sein «Sex-Buch». Dann kam eine
andere Veranstaltung im Gaskessel zur Cannabis-Legalisierung zustande.
1978/79 waren im Gaskessel schon über hundert Leute in der Ästhetischen
Gruppe. Im Sommer besetzten wir den Platz vor dem Gaskessel.
Später besetzten wir ein altes Bauernhaus, das vor dem Abbruch stand. Wir
organisierten ein erstes Konzert. Ein paar aus unserer Gruppe schrummten auf
Gitarren; der eine von ihnen spielt heute bei Zürich-West. Das war
Hippie-Romantik um ein Lagefeuer herum. Dann vernetzten wir uns mit immer
mehr Gruppen. Die AusländerInnen schalteten sich ein. Es waren vor allem
Italiener, Secondos. Die hatten auch keine Räumlichkeiten. Da fanden wir:
«Machen wir doch alle zusammen eine Demo gegen den Abbruch des
Bauernhauses!» Es ist plötzlich ein Blues gekommen, der einfach so
eingefahren ist.
Zu fünft gingen wir an eine SP-Sitzung. Ich redete drauflos, ohne Anstand.
Traktanden interessierten uns nicht. Das ist denen eingefahren, die
Lebendigkeit, die da war. Und so hat es eine immer grössere Vernetzung
gegeben.
Zwei Monate später war der Mai-Opernhaus-Krawall in Zürich. Ein Lehrer kam zu
uns, der das selbst miterlebt und ein Flugi geschrieben hatte. Dann gab es eine
Gruppe mit dem Jazzmusiker David Gattiker, die nannte sich Kulturguerilla; die
machten Flugis mit lustigen Comics. Bei dieser Vernetzung ging es immer
stärker ums Tramdepot. Wir fanden: Wir machen mit. So fand am Vorabend die
Sache beim Tramdepot statt, und am Samstag war die Bauernhaus-Demo, wo
recht viele Leute mitmachten: mit Mistgaretten, spontan. Dann ging es los in
Bern. Fast jeden Abend war eine Demo.
Warum haben plötzlich so viele Leute mitgemacht?
Rund ums Bauernhaus sind wir immer zahlreicher geworden. Die Ästhetische
Gruppe hatte auch Zulauf aus den wohlhabenden Kreisen aus Kehrsatz und
Muri bekommen. Ein Familienvater hatte immer Angst, ich würde die Kinder von
Muri verführen. Den Bezug zu den Reichen hatte ich ja nie gehabt, aber in
diesem Moment hatte ich ihn. Ich lernte auch die bürgerliche Streitkultur kennen
und habe bis heute einige dieser Kontakte aufrechterhalten.
Was meinst du mit bürgerlicher Streitkultur?
Ich habe wohl situierte Leute kennen gelernt, die sozialdemokratisch wählten.
Es war eine Offenheit da, und es gab heftige Diskussionen. Ich hatte dort
meine ersten AKW-Diskussionen, die mit einem schönen Erlebnis verbunden
sind. Ich diskutierte mit Dr. B. Er war voll dafür und ich voll dagegen. Ich war
neunzehn und er natürlich älter; ich ein Prolo ohne Ausbildung und er mit
Doktortitel. Zwei Welten, die aufeinander prallen. Da kommt ein Professor auf
Besuch und verwendet genau die gleichen Argumente, die ich vorher in meiner
Einfachheit meinem Gesprächspartner entgegengehalten hatte. Plötzlich hatte
ich einen Verbündeten! Das als Jugendlicher zu erleben, die Entlarvung dieser
Arroganz, die da vorher im Spiel war, das war ein wahnsinniges Erlebnis. Das
gab mir viel Selbstvertrauen für die kommenden Diskussionen.
Wie ist es auf der Strasse weitergegangen?
Unsere Militanz kam aus dem Bauch. Wir klauten zum Beispiel in der Migros
Raclette-Käse für tausende von Franken, immer wieder rein und raus. Und
haben nachher mit einer Gulaschkanone auf dem Bärenplatz Gratis-Raclette
ans Volk verteilt und unsere Ziele erklärt.
Als dann später während dem Kampf ums AJZ die Schmier hoch aufgerüstet
eingefahren ist, haben wir zum ersten Mal die Staatsgewalt erlebt und impulsiv
darauf reagiert. Ich war der Erste, der kriminalisiert wurde, weil die Bullen
meinen Namen hatten und weil ich für sie schon der Rädelsführer der
Ästhetikgruppe gewesen bin. Meistens bin ich vor oder nach den Demos
verhaftet worden. Bei mir hat dies keine Radikalisierung bewirkt. Die hatte ich
bereits hinter mir. Mein Weltbild wurde also nicht zerstört.
Wie hat sich die Berner Bewegung organisiert?
Wir haben uns nicht an den Mechanismus von Briefeschreiben und Bittstellen
gehalten. Wenn wir mit dem Polizeidirektor reden wollten, sind wir einfach in sein
Büro gegangen: Da sind wir, und sie müssen mit uns reden! Dann kam
meistens die Schmier. Aber er musste doch Stellung beziehen. Wir liessen uns
auch nicht einspannen von all den Politgrüppli, die plötzlich auftauchten,
Maoisten und andere. Wir wehrten uns gegen alle Parteistrukturen.
Was hat die Berner Bewegung erreicht?
Sehr prägend für mich war dieses Heimatgefühl. Ich fühlte mich dazugehörig.
Ich wurde weiter politisiert durch das, was wir gemacht haben. Wahnsinnig,
dieses Gefühl, in so kurzer Zeit so viele Erfahrungen gemacht zu haben.
Intellektuell konnte ich das erst später aufarbeiten. Trotz Repression und dem
harten politischen Klima, an dem Einzelne zerbrochen sind und in dem andere,
die ich kannte, an Drogen gestorben sind, bin ich ungebrochen geblieben.
Wann endete die Berner Bewegung?
Für mich ist sie eigentlich auch heute noch nicht zu Ende, weil wir die Reithalle
ja immer noch haben. Jetzt ist eine neue Generation am Werk. Es hat nur noch
wenige 80er dabei.
Wie ist es für dich persönlich weitergegangen?
Ich war immer wieder in Untersuchungshaft. Alle Urteile, die ich aus dem Jahr
1980 hatte, habe ich bis 1985/86 weitergezogen. Ich hatte sie deshalb noch
gar nicht abgesessen ausser in Form von Untersuchungshaft. Ich war also
immer wieder tagelang im Knast. 1983 wurde ich offiziell ausgeschrieben, weil
ich abgetaucht war. Ich machte politische Arbeit aus dem Untergrund: bei der
Anti-AKW-Bewegung und beim Zaff und später beim Zafaraya, oder wir
besetzten den Ballenberg. Ich wollte nicht in den Knast, weil meine Freundin
ein Kind bekam. Ich war dann vier Jahre Hausmann in dieser illegalen Zeit.
Meine Freundin hatte gegen mich einen Vaterschaftsprozess angestrebt als
Tarnung, und es hat super funktioniert. Sie kamen nicht auf die Idee, dass wir
etwas miteinander zu tun haben könnten.
Ist ein solcher Aufbruch wie die 80er-Bewegung wieder denkbar?
Hier in Thun haben wir drei Politgruppen, die sich regelmässig treffen und
grossen Zulauf haben. Wir haben eine Juso, die überquillt und vielleicht die
radikalste in der ganzen Schweiz ist. Sie hat einen schwarzen Stern auf ihrem
Juso-Fläggli, distanziert sich immer mehr von der SP, debattiert über
Anarchismus und ist bei jeder Demo, auch bei der WTO-Demo in Davos, dabei.
Es ist nicht eine Militanz im Sinne von «Wir schlagen alles kurz und klein»,
sondern es ist eine Militanz im Denken. Ich staune, wie belesen die Jungen sind
und wie sie sich klar ausdrücken können.
Wenn man so aktiv lebt wie du, besteht da nicht die Gefahr, dass du zum
gestressten Revolutionär wirst?
Ich arbeite hier in der Beiz sechzig Prozent, wenn ich nicht gerade politisch
absorbiert bin. Ich muss mich auch zurückziehen können, wenn ich müde bin.
1980 habe ich zum Teil andere Sachen erlebt. Wenn eine Frau Kinder bekam,
dann war sie weg vom Fenster. Wenn jemand eine Krise hatte, ist niemand
nachfragen gegangen. Solche Ausgrenzungsmechanismen fanden in der
Bewegung in den achtziger Jahren immer wieder statt. Das ändert sich
langsam, so dass du Zeit hast, dich zurückzuziehen, und es fragt immer noch
jemand nach dir.