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Lôzane Bouge!

Interview: Heinz Nigg

Bernard S.
Geboren 1959 in Lausanne.
Soziologe. Heute als Sozialarbeiter tätig.

Meine Eltern kommen beide aus bescheidenen Verhältnissen aus der Deutschschweiz. Sie zogen nach dem Krieg in die Romandie, um zu arbeiten und Französisch zu lernen. Mein Vater war kaufmännischer Angestellter und meine Mutter Schneiderin in der Haute Couture. Sie lernten sich in Lausanne kennen, heirateten und hatten zwei Kinder. Mit meinem älteren Bruder wuchs ich in einer Blocksiedlung auf. Obwohl wir nicht so gut Französisch sprachen, hatten wir keine Probleme, uns zu integrieren, weil in unserer Umgebung viele Kinder wohnten. Später zogen wir in ein kleines Einfamilienhaus etwas ausserhalb von Lausanne. Ich verlor den Kontakt zu meinen Freunden. Und in meiner Klasse im Vorgymnasium mit Latein war ich der einzige aus der Unterschicht.

Deine Eltern legten Wert darauf, dass ihre Kinder den sozialen Aufstieg schaffen. Was waren ihnen ausserdem wichtig?
Mein Vater war ein richtiger Protestant: arbeiten und sparen. Seine positiven Seiten lernte ich erst später schätzen. Gemeinsame Vergnügungen waren selten. Wir gingen nie in ein Bistro oder Restaurant. Das war für ihn Geldverschwendung. Jeden Sonntag besuchten wir die protestantische Deutschschweizer-Kirche in Lausanne. Die Kirchgemeinde war unser soziales Netz. Meine Mutter lebte uns die christlichen Werte vor: alles teilen, immer liebevoll sein und auf der Seite der Schwächeren stehen. In unserer Familie wurde nicht viel diskutiert. Vater setzte uns starre Grenzen, während Mutter, mit der ich mich gut unterhalten konnte, immer mit allem einverstanden war, was ihre Söhne dachten und fühlten.

Wie war für dich die Schule?
Ich ging nie gerne in die Schule, weil man da immer ruhig sitzen musste. Ich hielt das fast nicht aus. Im Gymnasium war mir unwohl, weil ich immer einer der Letzten war. Von den Römern und Griechen hatte ich null Ahnung. Geschichte waren für mich die letzten fünf Jahre und vielleicht noch der Zweite Weltkrieg.

Wie wurdest du politisiert?
Mein Bruder war mein grosses Vorbild. Er dachte viel nach und wollte sich für die Benachteiligten und Entrechteten dieser Welt einsetzen. Früh fühlten wir uns von Baader/Meinhof und der RAF (Rote Armee Fraktion) in Deutschland angezogen. Wir sahen, wie sich die deutschen Terroristen für die Befreiungskämpfe in der Dritten Welt aufopferten. Ich erinnere mich an Fahndungsbilder am Fernsehen. 1972 wurden sie verhaftet: Meinhof, Baader, Raspe und Ensslin. Mein Bruder und ich sahen auch, wie der Staat knallhart gegen alle vorging, die gegen die Macht der Reichen aufgestanden waren. Der eigentliche Auslöser für unsere Radikalisierung war aber ein Buch von Klaus Croissant, einem der Anwälte der RAF. Wir erfuhren, wie die Gefangenen isoliert wurden und wie Holger Meins an seinem Hungerstreik starb. Mein Bruder und ich waren überzeugt, dass wir gegen die Staatswillkür etwas unternehmen mussten. Wir lebten wie auf einem Trip und sprachen nur mit ein paar wenigen Eingeweihten über unsere Pläne. Einige Jugendliche schlossen sich uns an. Im Keller unseres Hauses rührten wir in Kesseln und Büchsen Farbe an. Wie Guerilleros schlichen wir nachts mit unserem Gepäck durch die Strassen von Lausanne und malten anarchistiche Slogans auf die Wände. Da in Lausanne die Polizei überall sehr präsent war, war es ein Kunststück, unbehelligt wieder nach Hause zu kommen. Einmal wurden wir verwarnt, als jemand aus unserer Gruppe beim Besprayen einer Kirche erwischt wurde. Wir mussten die Fassade putzen.

Ihr seid damals Teenager gewesen. Wie wurde euch begegnet?
Eines Tages wurde mein Bruder von der Polizei aufgegriffen. Er gehörte zur Gruppe 'Action prison', die mit einer Sprayaktion auf die unhaltbaren Haftbedingungen in den Gefängnissen der Romandie aufmerksam gemacht hatte. Alle wurden verhaftet und für mehrere Tage in Untersuchungshaft genommen. Unsere Eltern fielen aus allen Wolken und konnten uns nicht verstehen. Mein Vater war wütend: "Ihr seid verwöhnt und habt keine Ahnung vom Leben! Mit solchen Kindereien setzt ihr euere berufliche Zukunft aufs Spiel!"

Wie habt ihr auf die Verhaftung reagiert?
Ich denke, die Verhaftung hatte auf meinen Bruder eine abschreckende Wirkung. Er sah wohl auch ein, dass er bis zu einem gewissen Grad manipuliert worden war. Seine Verhaftung war für mich ein Grund mehr, voll weiter zu machen. Alles, was mit Action und Auflehnung gegen die Autoritäten zu tun hatte, zog mich magisch an. Meine letzten beiden Jahre am Gymnasium waren ein Kleinkrieg gegen "die da oben". Eine Klassenkollege und ich nervten alle mit unserem ständigen Diskutieren und Kritisieren. Als ich 1979 die Matura hatte, stand ich plötzlich vor einer Leere. Zuerst versuchte ich, mich am Seminar als Lehrer ausbilden zu lassen. Doch mein antiautoritärer Unterricht stiess bei der Schuldirektion nicht auf Gegenliebe. Als ich in die Rekrutenschule einrücken musste, wusste ich bereits am ersten Tag: Nur weg von hier! Das gelang mir auch. Ich blieb der "exclu de tous" - der von allem Ausgeschlossene. Ein paar Monate später ging es los mit Lôzane Bouge.

An der ersten Versammlung von Jugendlichen am 28. Juni 19801 wurde viel Unmut über die Lebenssituation der Jungen in Lausanne geäussert. Dann im September kam es zu Unruhen. Was bedeutete für Dich diese Zeit des Revoltierens?
Die ganze Bewegung gab meinem Rebellieren plötzlich einen Sinn. Ich wusste nun, was ich tun musste. Jeden Samstag gab es eine Demo. Ich traf immer wieder die gleichen Leute und lernte laufend neue kennen, die - wie ich - am Revoltieren waren. Während der Demos wurden Flyer verteilt und Slogans gesprayt. Der Sachschaden hielt sich im Vergleich zu Zürich in Grenzen. Lausanne war klein und gut überwacht. Die Passanten auf der Strasse warteten nur darauf, zupacken zu können, wenn sich jemand etwas zu Schulden kommen liess. Einmal wurden 300 bis 400 DemonstrantInnen verhaftet, weil die Behörden herausfinden wollten, wer zu Lôzane Bouge gehörte. Niemand konnte verstehen, woher diese Bewegung kam. Es waren junge Gassenleute, die da plötzlich revoltierten. Sie kannten sich von den Bistros und nicht aus der neulinken Szene der Marxisten-Leninisten, der Trotzkisten, Maoisten und Anarchisten2.

Erzähl mir etwas über diese jungen Leute, die du durch Lôzane Bouge kennengelernt hast.
Stark vertreten waren die Punks. Dann gab es einzelne spontane Typen, die ein eigenwilliges und rebellisches Leben führten. Ich fühlte mich durch diese Leute sehr angezogen. Sie hatten keine Hemmungen zu revoltieren und Sachen zu beschädigen. Der Respekt vor den Autoritäten war bei mir viel tiefer eingeprägt, auch wenn ich die ganze Zeit gegen sie angekämpft hatte. Die Forderungen von Lôzane Bouge widerspiegelten die heterogene Zusammensetzung der Bewegung3. Die wichtigste Forderung für mich war sicher die nach einem Autonomen Jugendzentrum. Ich wünschte mir in Lausanne ein Zentrum, von dem aus politische Arbeit möglich war. Doch es kam anders. Die meisten Jugendlichen waren nicht an politischer Arbeit interessiert. Sie wollten einfach einen Ort, um sich frei zu bewegen - an dem niemand von aussen das Sagen hatte. Am Anfang besuchte ich das von uns eroberte AJZ. Als ich sah, was abging, hatte ich bald genug davon. Es herrschten die Gesetze des Dschungels. Der Drogendeal breitete sich aus, und die Repression zeigte Wirkung. Immer mehr junge Leute wurden verhaftet und gebüsst. Die meisten konnten sich nicht dagegen wehren. Für mich hatte das nichts mehr mit Lôzane Bouge zu tun.

Welche Folgen hatte Lôzane Bouge für dein weiteres Leben?
Zwei Jahre später wurde mir zusammen mit etwa einem Dutzend sogenannter Drahtzieher von Lôzane Bouge der Prozess gemacht. Die Medien standen mehrheitlich auf unserer Seite. Sie waren dagegen, dass mit einer harten Bestrafung allenfalls der Bewegung neuer Auftrieb gegeben werden könnte. Doch der Richter wollte ein Exempel statuieren: Als Unruhestifter wurden wir zu mehreren Monaten Gefängnis bedingt und zu saftigen Geldbussen verurteilt. Ein Jahr zuvor hatte ich ein Psychologie-Studium begonnen, schloss dann aber in Soziologie ab. Den Kontakt zu den militanten Jugendlichen, die ich durch Lôzane Bouge kennenglernt hatte, hielt ich aufrecht. Zusammen mit meiner damaligen Freundin und anderen "Anciens Combattants" zogen wir in eine WG. Bei uns trafen sich vor allem Leute von der Gasse. Unsere "schwarze Zelle" war mir lange Zeit wichtiger als der abgehobene Betrieb an der Universität. Wir lebten in den Tag hinein und waren mit uns selbst beschäftigt - ohne an die Zukunft zu denken. Politisch ging es bei mir 1984 einen Schritt weiter, als ich in der Zeitung von der Gründung der Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA) las. Mit der Hilfe meines Bruders baute ich in der Romandie eine GSoA-Gruppe auf. Wir organisierten Veranstaltungen und Aktionen. Einmal packten wir unten am See in Lausanne das Denkmal vom General Henri Guisan ein. Nach dem Studium arbeitete ich in einem Zentrum für Dienstverweigerer und war Redaktor eines Heftes über "Non Violence". Meinen Unterhalt verdiente ich als Aushilfslehrer. Ich arbeitete gerade soviel, wie ich zum Leben brauchte. So konnte ich jahrelang immer wieder an interessanten Projekten in der Alternativ- und Politszene mitwirken. Heute arbeite ich als Sozialarbeiter und bin Vater von drei Kindern.

Wie haben die unruhigen frühen achtziger Jahre die Stadt Lausanne verändert?
Lôzane Bouge zeigte uns Jungen, dass eine Revolte die Möglichkeit sein kann, um aus der Isolierung und Einsamkeit herauszukommen und die Verhältnisse radikal in Frage zu stellen. Seit Lôzane Bouge werden in dieser Stadt auch Gelder für die Alternativkultur gesprochen. Die Punks machten ihre Konzerte im 'Cabaret Orwell' neben dem Centre Autonome. Später durften sie in ein ausgedientes Tramdepot von der Stadt. Daraus entstand das 'Dolce Vita' - ein lebendiges Konzertlokal für Punk- und Rockmusik. Wenn du 'Dolce vita' sagst, kommt auch heute oft spontan die Reaktion: "Ah! C'est Lôzane Bouge!" Wer wie ich aktiv an Lôzane Bouge beteiligt war, konnte sein Erfahrungsspektrum erweitern. Lôzane Bouge war für mich eine Lebensschule, besser als jeder Staatskundeunterricht.

Wie gingen die Stadtbehörden mit Lôzane Bouge um?
Damals waren die Radikalen - das sind bei uns die Freisinnigen - an der Macht. Der spätere Bundesrat Delamuraz war Stadtpräsident. Sie haben uns als Abschaum betrachtet - als "petits merdeux". Der Staatsanwalt war überzeugt, dass ein Teil des harten Kerns von Lôzane bouge zum bewaffneten Kampf übergehen würde. Deshalb wollten sie totale Kontrolle über die Szene. Sieben Jahre nach meiner Verurteilung meldete ich mich für eine offene Stelle beim Kanton Waadt. Ich lag sehr gut im Rennen, bis ich zuletzt gefragt wurde, ob ich etwas mit der Polizei zu tun gehabt hätte. Ich sagte ja, und sie meinten, sie müssten das überprüfen. Ich erhielt dann einen Brief, in dem es hiess: "Auf Grund ihrer Vorstrafe werden Sie nie beim Kanton Waadt arbeiten können". Heute bin ich Staatsangestellter. Hoffentlich sind meine Sünden nun verjährt.

1 An der ersten Assemblée générale in der Salle des Vignerons wurde das Opernhaus-Krawall-Video der Zürcher Ethnologen gezeigt. Es wurde über die Repression sowie über die allgemeine Situation der Jugendlichen in Lausanne, Yverdon und Morges diskutiert. Beschlossen wurde, dass die Solidarität mit der Bewegung in Zürich nicht genüge. Auch in Lausanne müsse etwas geschehen. Es gäbe genug Gründe für die Jugendlichen, auf die Strasse zu gehen.
2 Über die Hintergründe der Lausanner Bewegung:
Anne-Catherine Menétrey et le 'Collectif de défense'. La vie ... vite. Lôzane Bouge 1980 - 1981: une chronique. Editions d'en bas. Lausanne 1982.
3 1. Ein autonomes Jugendzentrum (AJZ); 2. Affichage libre (Der Aushang und das Kleben von Plakaten darf nicht bestraft werden); 3. Freies Demonstrationsrecht; 4. Abschaffung des Homosexuellen-Registers; 5. Entkriminalisierung des Anbaus und des Genusses von Cannabis; 6. Abschaffung des Patentzwangs für StrassenmusikerInnen.

nigg_damals
Eine der letzten grossen Demos von Lôzane Bouge im November 1980.

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Die Gruppe der Angeklagten im Prozess gegen Lôzane Bouge zusammen mit zwei ihrer Verteidiger.

Mein Gegenstand:

gsoa plakat
Plakat zur GSoA Initiative 'pour une suisse sans armee'

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