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Mails > Texte lesen > Koni Frei

Eingesandte Erinnerungstexte

VerfasserIn: Koni Frei (Zürich).

20 Jahre nach dem Opernhauskrawall - Tanzende Mäuse, Gefühle und Geborgenheit

Ein Beteiligter hält Rückschau

(aus Neue Zürcher Zeitung 20.6.2000)

(Koni Frei war in den achtziger Jahren in verschiedenen Arbeitsgruppen der sogenannten Bewegung aktiv und galt deshalb auch als einer der «Drahtzieher». Heute ist Frei Mitbesitzer des «Kanzlei», der Disco und Veranstaltungshalle in der ehemaligen Kanzleiturnhalle. !n einem persönlich gehaltenen Rückblick schildert er aus dem Innern der «Bewegung» deren Gefühlslage, ohne den Anspruch zu erheben, damit für alle «Bewegten» zu sprechen.)

Ob dieser wunderbare Freitagabend am 30. Mai 1980 anders herausgekommen wäre, wenn sich die Polizei vor dem Opernhaus etwas schlauer verhalten hätte, ist schwierig zu beurteilen. Das Bier, das die Polizisten vor ihrem Einsatz tranken, hat sie wohl eher beruhigt; wie früher die Radprofis vor der Abfahrt in die Tremola. Ich auf jeden Fall hatte eine Schachtel Eier im Sack, als ich zum Bellevue spazierte, und das habe ich nicht jeden Abend. Ich hatte kein Bier getrunken.

Die Echtheit der Gefühle
Bewegungen fallen weder vom Himmel, noch lassen sie sich gründen, wie Politiker verschiedenster Couleur das immer wieder vergebens versuchen. Sie sind rar. Die Bilder der Achtziger-Bewegung beruhen auf dem Gegensatz von Festem und Flüssigem, von Packeis und Wärme. Die Bewegung war in ihrem Kern gewaltlos. Dahinter verbarg sich ein Bedürfnis nach Echtheit der Gefühle, nach Erlebnissen und Auseinandersetzungen. Sie nahmen auch das Risiko des Echtheits-Wahns in Kauf. Denn zur Überraschung aller Beteiligten kam von beiden Seiten Gewalt mit ins Spiel. Was aber die Bewegung zusammenhielt, war weniger die Gewalt als die Schadenfreude gut schweizerischer Tradition und das Erleben der eigenen Stärke. Es war die Schlagkraft und Medienwirksamkeit der leichten Krawallerie, die die Teilnehmenden faszinierte und ihnen Spass machte. Auf jeden Fall aber herrschte ein hohes Bewusstsein für die Verletzbarkeit von Menschen, und das hielt sich bis zum Schluss. Die Anlässe waren eher Abhaltungen, Installationen. So herrschte etwa das Prinzip der automatischen Demo und der obligatorischen Mittwochsvollversammlung. Das war einfach so. Und passierte nichts, dann war es eine Finten-Demo.

Die Freiheit in der Geborgenheit
Die Forderungen betrafen auch nicht nur mehr Lohn und weniger Arbeit, sondern kristallisierten sich im Wunsch nach einem Zentrum. Wie übrigens auch im Burghof in diesem Frühling im Jahr 2000. Schon die Jesuiten bauten im Südamerika des 18. Jahrhunderts mit den Ureinwohnern solche Zentren, bevor der Papst sie zurückbefahl, weil sie zu erfolgreich wurden. Sie nannten sie Reduktionen und sprachen von Freiheit in der Geborgenheit. Dieser Wunsch nach Geborgenheit, ohne die eigene Freizeit zu verlieren, gibt eine unheimliche Kraft des Wohlwollens und der Solidarität. Die immer noch mögliche kleine Utopie ohne Familiengründung.

Im Zentrum des Zentrums ist das Zentrum. Das Zentrum ist ein runder, weisser, leerer Raum. In diesem Raum herrscht Stille. Um diese zu erhalten, ist um den Raum herum ein runder Gang angelegt. Wer in den runden, weissen, leeren Raum gelangen will, hat vor dem Betreten des Ganges die Schuhe auszuziehen - und zu schweigen. So stand es im «Eisbrecher», der Zeitung der Bewegung im Winter 1980/81.

Ein klösterlicher Ort, mit viel Lebensfreude, zum Schlafen, Essen, Lieben, Tanzen. Auch ein Ort der erotischen Begegnungen. Frei von allen Zwängen. Die Gefühle leben und spüren, autonom. Dazu gehört auch, dass die Leute draussen nicht genau wissen, was drinnen passiert, und die drinnen fühlen sich stark, autonom und wohl. Diese Autonomie enthält logischerweise auch den Konflikt mit der Aussenwelt. Und zwar jenseits des Schemas von links nach rechts.

24-Stunden-Betrieb, fehlendes Wirtepatent: Das waren Sachen von draussen. Und gerade dieser Konflikt, plus die vielen Leute, die aus allen Ecken der Schweiz in diesen «rechtsfreien Raum» hineindrängten, war schliesslich der Grund der eigenen Implosion. Als die Küchengruppe den definitiven Verleider hatte und das Areal verliess, wurde das Desaster sichtbar, und es blieb nichts anderes als permanente Schadensbegrenzung. Die Ansprüche waren zu hoch. Aber die Idee, die bescheidene Vision blieb, frei und geborgen, gleichberechtigt in einem Zentrum leben zu können. Und sie wird wohl wieder verstärkt auftauchen. Gerade in unserer Zeit des verbreiteten Singletums und der Fussballdemos, bei denen einem das Gesicht einschläft.

Jede Kultur und Kunst braucht diese Konflikte und Auseinandersetzungen. Auch Provokation. Braucht Erneuerung, Aufbruch, Offenheit. Die Frage ist nur, wie die etablierten Verantwortungsträger damit umgehen, ohne dass sie im Kreis herumlaufen. Interessanterweise sind es heute gerade die mittlerweile etablierten, alternativen Institute, die Gefahr laufen, durch die zunehmende Professionalisierung jedes Pioniertum zu überfahren, zu normieren und so zur Erstarrung zu bringen: «Stelleli»-Mentalität. Und nicht gemerkt haben, dass heute die eigene Schliessung ansteht.

Die Kultur
Heute ist alles anders, aber es geht alles schnell. An einer Konzertveranstaltung der UBS in einer Zürcher Nobeldisco werden Texte von Ulrike Meinhof gelesen, und die Zusammenarbeit mit den Medien klappt prima und ist toll. Der Paradeplatz wird zuasphaltiert und saniert, weil er komplett kaputt war, es gibt zu wenig Golfplätze, alle Verkehrsampeln werden ausgewechselt und weiss umrandet, und die urbanen Detektive wollen streiken. Was bleibi, ist die Frage, ob die Sittenpolizei die streikenden Detektive observiert und den harten Kern isoliert.

Noch ein Wort zur Drahtziehertheorie: Die Drahtzieher existieren nicht als Drahtzieher, sondern als Initiativ- und Arbeitsgruppen. Darum liess sich auch der harte Kern nie isolieren. lm «Stilett» konnte man damals lesen: Der harte Kern ist ungeniessbar, aber daraus wachsen Bäume.

Die Leute, die an der sonntäglichen Hauptausgabe der «Tagesschau» damals ungefragt mehr Sonnenschein für ihren inhaftierten Freund verlangten, lenkten Leon Huber und die Techniker mit tanzenden Mäusen ab. Niemand wurde berührt. Später verhafteten sie sich selber und entkamen ungestraft und urgefilmt. Die Rolle der Tanzmäuse bleibt historisch unbestimmt.

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