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Eingesandte Erinnerungstexte
VerfasserIn: Emilio Modena (Zürich).
Als die Bewegung ("d'Bewegig") mit dem Opernhauskrawall im Sommer 1980 und danach während zwei Jahren das Stadtbild veränderte, war ich bereits ein "Alt-68er". Mit Bewunderung und nicht ohne Neid verfolgte ich die überraschenden Wendungen der neuen Jugendpolitik. Ob ich mich einmischen sollte?
Die Gelegenheit bot sich, als mich eine Einladung der "Älteren Unzufriedenen" ins Haus flatterte. An der Versammlung hörte ich mir zunächst mit steigendem Unmut die Klagen etlicher wohlbestallter Mittelschichtler an, die ich zum Teil von weitem kannte. Es war offensichtlich, dass sie als "Trittbrettfahrer" die Gelegenheit für sich nutzen wollten, die ihnen die Jugendbewegten boten. Sie klagten beredt über ihr Unbehagen in "Zureich" (*) und über ihren Weltschmerz überhaupt. Etliche Jugendliche beobachteten schweigend die Inszenierung. Schliesslich platzte mir der Kragen: ich meldete mich zu Wort, erklärte, dass es mir persönlich gutgehe, meine psychoanalytische Praxis voll sei, und ich eine liebe Freundin hätte - ich könne mich also nicht beklagen. Ich sei vielmehr gekommen, um in Erfahrung zu bringen, ob wir als ältere den jüngeren Unzufriedenen in irgendeiner Hinsicht behilflich sein könnten.
Wie von der Tarantel gestochen sprangen zwei, drei Jugendliche auf und erklärten, aber ja, was sie von uns erwarteten, sei Geld und allenfalls politische Schützenhilfe... Zu Hause setzte ich mich ans Telefon, und innert weniger Tage waren einige progressive PsychoanalytikerInnen und SchriftstellerInnen mobilisiert, die ohne viel Aufhebens den "Verein Pro AJZ" gründeten. Paul Parin und jürgmeier und der Clemens Mettler waren im Vorstand dabei. Die politische Arbeit war sehr erfreulich, weil wir völlig unbürokratisch funktionierten und auf sehr viele Sympathien für die Jugendbewegung in der Bevölkerung stiessen. So hatten wir bald einige zehntausend Franken gesammelt, die wir ebenso unkompliziert, wie wir sie erhalten hatten, an die verschiedenen aktiven Gruppen weiterleiteten (sicher ist von dem Geld auch einiges für private Zwecke von Einzelnen abgezweigt worden, was uns damals nicht weiter störte; das Meiste erreichte schon seine Bestimmung und stärkte die Infrastrukturen der Bewegung).
Unvergesslich ist mir auch das Schauspiel, das einige Vertreter offizieller Jugendorganisationen - der Zagjp und der Pro Juventute vor allem - in den wöchentlich stattfindenden Vollversammlungen boten. Obschon sie betont jugendlich auftraten, mit Lederjacke und so, und wie alle anderen vor dem Mikrofon anstanden, wurden sie durchschaut und kamen mit ihren Appeasement-Versuchen nicht durch. Als ich kurze Zeit später von der Bewegung unförmlich aufgefordert worden war, als ihr Vertreter an den Sitzungen der stadträtlichen Krisengruppe teilzunehmen, fehlte es nicht an Anbiederungsversuchen. Für mich waren diese Sitzungen, an denen ausser einer Stadtrats-Delegation auch die VertrerInnen der erwähnten Jugendorganisationen und der Kirchen teilnahmen, die schönste Illustration des Konzeptes von den "ideologischen Staatsapparaten" (Althusser). Es war eine Freude zu erleben, wie die verschiedenen Wölfe im Schafspelz immer wieder ins Leere tappten und es ihnen lange Zeit nicht gelingen wollte, ihren Einfluss auf die "wild" gewordenen Schutzbefohlenen zurückzugewinnen. Das änderte sich erst, als die Bewegung abzubröckeln begann. Da wurde ich auch nicht mehr eingeladen... Als ich für eine bürokratische Demarche in meinem Heimatland Italien kurze Zeit später das genaue Datum meiner in der Kindheit erfolgten Einreise in die Schweiz in Erfahrung bringen sollte, waren meine Akten im Stadthaus nicht auffindbar. Der Gemeindekanzlei Hausen a. A. wurde bedeutet, mein Dossier werde gerade bearbeitet. Das war noch lange vor der Fichen-Affäre!
Da ich wegen einer aus der 68er Zeit stammenden fremdenpolizeilichen "Androhung der Ausweisung" (die vom Regierungsrat und vom Bundesgericht geschützt worden war) nicht an unbewilligten Demonstrationen teilnehmen konnte und sich d'Bewegig in der Regel nicht mit solchen Kleinigkeiten wie einer Demonstrationsbewilligung aufhielt, war mein persönlicher politischer Höhepunkt im Zusammenhang mit den 80ern die vom Verein Pro AJZ im Volkshaus organisierte Grosskundgebung "Bewegung ist gut - aber gefährlich", an welcher das Sündenregister des Establishments gegen die Jugend als eine Art Monstertribunal von den Betroffenen in Szene gesetzt wurde. Die Gemassregelten traten als Zeugen so weit nötig hinter Masken auf, sodass ein eindrückliches Bild der staatlichen und gesellschaftlichen Repression entstehen konnte. Und der als Sammelbüchse umfunktionierte Putzkübel unserer WG war am Abend randvoll Knete. Allerdings hatten wir es als antiautoritäre Kundgebungsleiter ziemlich schwer, Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen und Individuen zu verhindern. Schockierend war insbesondere die Intoleranz der verschiedenen Musik-Fans untereinander.
Kurze Zeit später wurde das AJZ abgebrochen und eingeebnet. Heute wird das Areal als Car-Parkplatz genutzt. Wie es 1980/81 dort aussah, daran erinnert mich nur noch das Bild des Hauses auf einem Briefmarkenblock "20 + 10", einer künstlerisch gelungenen Fälschung, bzw. perfekten Nachahmung von Pro Juventute-Marken.
(*) "Zureich" ist allerdings eine spätere Wortschöpfung der Wohlgroth-Leute
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