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Eingesandte Erinnerungstexte
VerfasserIn: M.D. (Zürich).
(aus: Stadtkunst. Katalog zur Ausstellung Zürich 1980)
Heute würde Mona Lisa nicht mehr lächeln. Die Meisten hatten ja zuhause einen Fotoapparat, den sie z.B. in die Ferien mitnahmen, um - nicht wie die Eltern - den "Campingplatz ob Ponte Brolla", den Wellenschlag der Adria oder den schönen griechischen Fischer mitheimnehmen zu können, Manchmal schossen wir auch "Schnapp" und schon streckt uns da jemand die Zunge heraus oder es wächst ihm aus dem Kopf eine Fahnenstange.
Doch dann tauchte in Zürich der Polke auf und seither ist alles anders. Am Anfang musste man sich fragen, ob er sich eigentlich hinter der Kamera verstecken muss, dass man sein Gesicht nur mit der schwarzen Pentax davor sieht, aber nein, er ist ein expansiver Typ und haut, wenn es sein muss, alle Gläser vom Tisch im Fanti (damals). Er ist grosszügig, auch mit dem Fotomaterial. Und dass er malt und filmt und überhaupt liess sich erst im Nachhinein zusammenfassen: Polke zeichnet auf, wo er ist und nicht, was er sieht. Aus diesen Bildern lässt sich keine Besitznahme von Objekten herauslesen - "ich bin dein Auto (oder könnte dein Auto sein), deine Freundin, der Ort, an dem du dich am X.X.XX befandest, und da sah dein geübtes Auge diesen fototechnisch verwertbaren Ausschnitt" - sondern da war wer mit einer Kamera, und der Film darin war vielleicht schon mal anderswo, der nimmt Bilder auf, von denen man nicht sagen kann, dass sie einmalig sind, und niemand kann sagen warum grad dieses Bild an diesem Ort.
Und jedes Bild braucht die Bilder davor, daneben, darunter, nicht den Kontext, aber die Kontinuität. Weil Polke und die anderen nicht nur Sonntags fotografierten wurden wir posenmüde, ich jedenfalls konnte mich zu einem "Cheese" kaum noch überwinden. Da gibt es keine Jagd nach Motiven, keine Fotosafari. Die Pfeffermühle und das Wahlplakat, die Strassenschilder und der Freundeskreis sind endlich gleichberechtigt.
In diesem Überfluss will ich auch baden. Schon bin ich angesteckt, drücke, schneide, mache Bilder. Jetzt aber geht es darum, aus dieser Fülle auszuwählen. Jeder kann sagen: dies sind meine schönsten, frechsten, lustigsten oder - wie der Klein-Ethnologe: mein Nachbar, meine Füsse, mein Essen, oder gar orginellerweise: Dokumente eines Teils meiner Erinnerungen.
Nein, bei diesen Fotos, Freunde, müsst ihr schauen, dass ihr was seht. Und was ihr seht ist kein Bananentest, d.h. es gibt keine Psychologie des Bildes oder des Bildners, weil jeder das Bild gemacht haben könnte - aber nicht jeder hat das Bild gemacht - das ist die Kunst - eben.
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