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Mails > Texte lesen > Benno Luthiger

Eingesandte Erinnerungstexte

VerfasserIn: Benno Luthiger (Zürich).

Anlässlich einer Semsterarbeit innerhalb des wirtschaftsgeschichtlichen Seminarzyklus "Institutionen, Ideologie und Wirtschaftswachstum in der Schweiz" habe ich mich vor fünf Jahren vertieft mit der Zürcher Bewegung auseinandergesetzt. Ich habe die damaligen Vorkommnisse im wesentlichen unter dem Aspekt der Frustrationen untersucht, die sich aus unerfüllten Erwartungen in einer urbanen Wohlstandsgesellschaft ergeben und sich beispielsweise in Langeweile ausdrücken und in Aggessionen entladen können.

In meinen Augen war die 80-er Bewegung in Zürich, zumindest explizit, keine politische Bewegung. Entsprechend war es nicht statthaft, sie a priori dem linken Lager innerhalb des damals noch bestimmenden Links-Rechts-Schemas zuzuordnen. In der Tat ist es nicht abwegig, eine Bewegungsparole wie "Macht aus dem Staat Gurkensalat" (1980) als radikales und jugendlich-ungestümes Gegenstück zur FDP-Parole "Mehr Freiheit, weniger Staat" (1982) zu interpretieren, kommt doch in ihr eine Haltung zum Ausdruck, die mit einer unverdrossenen Staatsgläubigkeit, wie sie die Positionen der SP auch heute noch kennzeichnen, herzlich wenig am Hut hat. Allerdings wurde die Zürcher Bewegung rasch politisch vereinahmt und musste als Projektionsfläche herhalten im Kampf gegen die jeweiligen politischen Gegner. Ich bin der Ansicht, dass diese Missinterpretation den Blick auf die Bewegung verstellt hat und auch heute noch verstellt.

Ich fände es auf diesem Hintergrund interessant, die Entwicklungen in Zürich in den 80-er und 90-er Jahren auf ihre Bezüge zur Bewegung zu untersuchen. Ich behaupte, vielerlei, was in diesen Jahren in Zürich gelaufen ist, könnte dadurch eine plausible oder plausiblere Erklärung finden. Auf einen interessanten Ansatz, die Zürcher Bewegung zu untersuchen, bin ich leider erst in diesen Tagen und nicht schon beim Abfassen meiner Semsterarbeit gestossen. Eine soziale Bewegung muss, damit sie Zulauf erhält, auf irgend eine Weise auffallen, sich Gehör verschaffen. Das Mittel der Provokation ist eine geeignete Möglichkeit, Aufsehen zu erregen. Eine Provokation besteht darin, dass mehr oder weniger bewusst eine tief im gesellschaftlichen Unterbewusstsein verankerte Grenze überschritten wird. Solche Grenzüberschreitungen führen in einem ersten Schritt zu irrationalen Reaktionen der Gesellschaft, was seinerseits zum gesellschaftlichen Mythos der Provokateure beiträgt. Im weiteren Verlauf werden die Grenzverletzungen zu einer Gewohnheit, bis sie schliesslich gesellschaftlich akzeptiert sind. Auf diese Weise führen gesellschaftliche Provokationen längerfristig zu neuen gesellschaftlichen Möglichkeiten. Allerdings verschwindet damit das Potential zur Provokation in diesem Bereich. Die Perpetuierung einer bestimmten Art von Provokation ist ein Zeichen, dass das kreative Potential einer Bewegung ausgeschöpft ist.

Mit dieser Argumentationsweise scheint es mir möglich zu sein, einen weitreichenden Einblick in die Zürcher Bewegung mit ihrern verschiedensten Facetten zu erhalten. Zweifellos holte die Bewegung ihre Stärke aus ihrer Potenz, die Gesellschaft provozieren zu können. So sind die famosen Auftritte der Bewegung im Fernsehen hervorragende Beispiele von gesellschaftlicher Provokation. Das Überhandnehmen von Sachbeschädigungen andererseits führte mit der Zeit bloss noch zu einer Provokation der Polizei und war damit ein deutliches Zeichen für den Niedergang der Bewegung.

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