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Eingesandte Erinnerungstexte
VerfasserIn: Markus Rüegg
Vom Lemming zum Schmetterling - Meine Lehren aus der 80er-Bewegung
Was braucht es, damit nicht einfach die Machteliten ausgewechselt werden und neue Herren mit einer etwas anders gefärbten Ideologie wieder aufs Neue ein Herrschaftssystem errichten, wie die Kommunisten in Russland, China oder Kuba oder die grünen Ökofreaks und Friedensaktivisten in Deutschland, die sich bereits 15-20 Jahre später für einen Krieg der Nato engagieren und sich an der vorher bekämpften Herrschaft beteiligen?
Meine Kritik am Verlauf der 80er-Bewegung finde ich immer noch zum überwiegenden Teil stimmig (siehe dazu Beitrag von Markus Rüegg im Buch 'Wir wollen alles, und zwar subito!"), aber es war eben nur Kritik. Und kritisieren ist bekanntlich immer viel einfacher, als es besser zu machen. Genau darum geht es aber. Ich arbeite z.Z. in der immer mehr aufkeimenden Anti-Globalisierungsbewegung und in diesem Kontext finde ich es wichtig, dass wir unsere Lehren aus unserer Vergangenheit zu ziehen vermögen. Die Gegenseite macht das laufend. Da werden teure Studien in Auftrag gegeben, Think tanks gegründet und ganze Universitäten voll "Wissenschaffender" stehen zur Verfügung, um darüber zu brüten, wie solche chaotische Tendenzen eingedämmt, systemgefährdende Entwicklungen eliminiert und missliebige Ideen am elegantesten ausgemerzt werden können. Um so wichtiger finde ich, darauf zu achten, dass wir unsere eigene "Geschichtsschreibung von unten" haben, die sich nicht mit Systemerhaltung beschäftigt, wie die offiziellen Historiker, sonder damit, was es braucht, um das System aus den Angeln zu heben, umzuwandeln, zu transformieren.
Das Monster
Die 80er-Bewegung war für mich diesbezüglich ein Schlüsselerlebnis. Was ich vorher nur aus der Theorie kannte, erlebte ich plötzlich hautnah am eigenen Leib - die Revolution frisst ihre Kinder. Sobald die Projektionsfläche des äusseren Feindes nicht mehr zur Verfügung stand, trieb der bewegungsinterne Prozess der Selbstzerfleischung immer extremere Blüten. Mit der Sturheit der Betonköpfe, mit der Repression von Polizei und Justiz, auch mit dem Abflauen der Bewegung konnte ich umgehen. Damit hatte ich gerechnet. Doch diese gruppendynamischen Prozesse der Selbstzerstörung, der Degeneration trafen mich völlig unvorbereitet. Sie stürzten mich in happig Depressionen. "Mein Kind", was damals die Bewegung für viele AktivistInnen, die sich mit der Bewegung identifizierten, war, hatte sich über Nacht in ein Monster verwandelt!
Dieser Schock war gross genug, dass ich damit begann, mich tiefer mit den Hintergründen dieser Mechanismen zu befassen. Ich realisierte schon im AJZ, dass es in erster Linie Menschen mit einer schwachen Persönlichkeitsstruktur waren, die sich einer fixen Ideologie, einer autoritären Gruppe anschlossen, die ihnen einen imaginären Halt suggerierten, ihnen ein Fundament vorgaukelten, das sie sich so sehr wünschten, ohne dass sie sich dessen bewusst waren, geschweige denn zu artikulieren vermochten. Dieser Sachverhalt war und ist auch der Grund, warum Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur sich auch immer gleich persönlich angegriffen und in ihrer Identität in Frage gestellt fühlen, wenn jemand in einer Auseinandersetzung eine andere Meinung vertritt. Ich machte die schmerzliche, aber auch ernüchternde Erfahrung, dass es im grossen Ganzen nur mit AktivistInnen möglich ist, über diese Mechanismen zu reden, die nicht nur die äussere Welt verändern wollen, sondern auch ihre innere Welt - die bereit sind, auch vor der eigenen Türe zu wischen. Die Quintessenz die ich aus all diesen Erfahrungen gezogen habe, lautet: Bei wichtigen Sachen arbeite ich nur noch mit Menschen zusammen, die in irgendeiner Form aussen und innen arbeiten. Vor allem auf der Beziehungsebene und besonders in Konfliktsituationen zeigt sich immer wieder deutlich, dass soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz, um es einmal mit den gegenwärtigen Modebegriffen zu sagen, oft über sein oder nicht sein entscheiden.
20 Jahre danach
Im Rahmen der i21 (initiativa 21 ist ein Projekt für eine Volks-Universalinitiative für eine solidarische, zukunftsfähige Schweiz, die weltverträglich ist. Bis jetzt sind wir immer noch die grössten Schmarotzer der Welt, pro Kopf der Bevölkerung.)
und von Holon (Ein Netzwerk auf europäischer Ebene - sozial, ökologisch, politisch, spirituell.) veranstalte ich periodisch Netzwerk-Essen. Sie sollen vor allem der Beziehungs-pflege zwischen AktivistInnen von NGO's, aber auch engagierten Einzelpersonen dienen. Ich möchte lernen, in meinem politischen Engagement ganzheitlicher zu arbeiten. Die Jungen wollen mehr Spass haben, den Frauen sind unsere Sitzungen zu trocken, den Bauchmenschen zu kopflastig, den Herzmenschen zu kalt, den Sinnlichen zu wenig erotisch. Was ich suche, ist eine Synthese aus all diesen Ebenen. Starhawk, die Wicca-Hexe und eine der Organisatorinnen von Seattle formuliert es so: "Die Aktion umfasste Kunst, Tanz, Feiern, Singen, Rituale und Magie. Sie war mehr als nur ein Protest, sondern die Errichtung einer Vision wirklicher Fülle, eine Feier des Lebens, der Kreativität und Verbundenheit, die auch angesichts der Brutalität fröhlich blieb, und schöpferische Kräfte zum Vorschein brachte... " (Holon-Journal 11/2000) Die Veranstaltungsreihe dieser Netzwerk-Essen soll auch eine Zukunftswerkstatt sein, um uns gegenseitig Spiegel zu sein beim lernen, diese hochgesteckten Ziele in die Tat umzusetzen.
Inneres und äusseres Wachstum ins Gleichgewicht bringen
Ganzheitliches Wachstum ist für mich ein Bewusstwerdungsprozess, der alle Schichten des Menschen erfasst. Dabei arbeite ich an einem Gleichgewicht zwischen innerer Arbeit und äusserem Engagement. Je näher man/frau diesem Gleichgewicht kommt, desto grösser die Wirkung einer gesellschaftspolitischen Initiative, einer Aktion oder einer Bewegung. So kommen wir diesem Schmetterlings-Effekt näher, ein Begriff aus der "Chaos-Theorie": Die grosse Wirkung kleiner Kräfte. Je mehr es gelingt, nicht nur die Inhalte und Zielvorstellungen, sondern auch die Organisations- und Kommunikationsformen in der oben skizzierten Richtung zu ändern, desto eher können Berge (und Mehrheiten) versetzt werden. Deshalb arbeite ich daran, so etwas wie eine neue Club-Kultur zu kreieren. Nicht mehr eindimensionales, kopflastiges Molochen, in kalten, erstarrten, patriarchalen Strukturen, in denen die Kräfte "verheizt" werden. Was es braucht ist eine Kultur, die mehr Event-Charakter hat, wo man/frau nicht nur zusammen arbeitet und diskutiert, sonder auch die sozialen und zwischenmenschlichen Kontakte pflegt, nicht nur Aktionen organisiert und Unterschriften sammelt, sonder auch zusammen eine Grill-Party oder ein Week-end in den Bergen erlebt. Gruppendynamisch stecken die meisten Organisationen noch in den Kinderschuhen. Um eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich nicht nur die dominanten Alpha-Tiere (meist rhetorisch begabte Intellektuelle) auf Kosten der anderen wohl fühlen, braucht es wohl auch an diesem Punkt einiges an Veränderung.
Was, wer verändert die Welt, mich selber?
Globale Probleme stürzen täglich auf uns ein. Die jetzigen Machthaber werden immer unglaubwürdiger. Die Werte unserer abendländischen Kultur sind am bröckeln (Davos 2001). Immanuel Wallerstein, Ökonomie-Professor an der Yale University, formuliert es so: "Es steht uns eine Periode grosser politischer Konfusion bevor. Die Politik wird nicht mehr in der Lage sein, die aktuelle Realität wesentlich zu beeinflussen. Da der Verlauf des Übergangs (von einem Zeitalter ins nächste, Anm.v.mir) unvorhersehbar ist und sich in wilden bis verrückten Fluktuationen äussern kann, wird jede noch so geringfügige politische Mobilisierung von enormer Wirkung sein. Wir nähern uns also einer der seltenen Phasen der Geschichte, in denen der freie Wille als entscheidender Faktor wieder zu seinem Recht kommt." (Auf abschüssiger Strecke mit defekten Bremsen. Die Marginalisierung der Dritten Welt und die Krise der Weltwirtschaft von Immanuel Wallerstein; aus Le Monde diplomatic, August 2000)" WPI 5+6 November 2000)
Obwohl der Autor von seinem Weltbild her wohl ganz woanders steht, kommt er zu einem verblüffend ähnlichen Schluss wie die Vertreter der Chaos-Theorie mit ihren morphogenetischen Feldern und dem berühmten Schmetterlings-Effekt oder wie viele Yogis und Mystiker, die von winzig kleinen Minderheiten reden, die es schliesslich braucht, um einen Schneeballeffekt auszulösen.
Wie geschieht so etwas? Was braucht es dazu? Welches Werkzeug hat welche Hebelwirkung bezüglich Bewusstseinsbildung? Wenn es stimmt, dass 80% der Kommunikation emotional läuft, über den Bauch, was machen wir falsch, was müssten wir dann tun? Was sagen die Frauen dazu?
Tun ist wichtiger als reden
Analyse und Kritik des Bestehenden ist wichtig, aber noch viel wichtiger ist, dabei nicht stehen zu bleiben. Es braucht auch positive Lösungsvorschläge, Zukunftsvisionen, die Hoffnung machen, Strategien nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel.
Ganz wichtig finde ich auch die Vernetzung. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Am meisten lernen wir, wenn wir mit anderen zusammenarbeiten. Die Entwicklung unserer patriarchalen, selbstzerstörerischen Konkurrenzkultur treibt sehr in Richtung Vereinzelung und Anonymisierung der ganzen Gesellschaft. Gerade deshalb finde ich es so wichtig, dass sich die positiven Kräfte verbinden und vernetzten. Sollte das System einmal kippten (davon gehen sogar die Investment-Banker selber aus), ist es sehr entscheidend, was für Strukturen und Know-how wir bis zu diesem Zeitpunkt aufgebaut und entwickelt haben. Sollten wir uns also einer jener seltenen Phasen der Geschichte nähern, in denen "der freie Wille als entscheidender Faktor wieder zu seinem Recht kommt", wie Wallerstein sagt, wird Glaubwürdigkeit und Authentizität den entscheidenden Faktor ausmachen. Denn auch Demagogen und Populisten à la Blocher oder Haider werden versuchen, Kapital aus der allgemeinen Verwirrung zu schlagen. Ich gehe aber davon aus, dass in dieser Situation jedoch nur Persönlichkeiten oder Netzwerke von Menschen, die auch das leben was sie "predigen", eine Chance haben gehört zu werden, ganz nach dem Motto: An den Früchten werdet ihr sie erkennen!
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