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Eingesandte Erinnerungstexte
VerfasserIn: Werner Kramer (Zürich).
"Dienst der Versöhnung"
Das Engagement der evg.-ref. Landeskirche anlässlich der sogen. Zürcher Jugendunruhen 1980-82. Aus dem Blickwinkel eines Beteiligten.
Es gibt Zeiten, da es nicht genügt, wenn die Verantwortlichen der Kirche nur reden, erklären, deuten. Im Urteil des Kirchenrates des Kantons Zürich war der Herbst 1980 eine solche Zeit.
Im "Opernhauskrawall" von Freitag, dem 30. Mai 1980, entlud sich die Frustration junger Menschen darüber, dass ihr Begehren nach Räumen und Finanzen für die jugendeigene "Alternativkultur" nicht befriedigt wurde, während für Renovation und Erweiterung des Opernhauses in Zürich ein Objektkredit von Fr. 60 Mio. vorgesehen war. Am 31. Mai kam es zu neuen Demonstrationen mit schweren Sachbeschädigungen die ganze Bahnhofstrasse hinauf und am Limmatquai. Von da an überschlagen sich die Ereignisse:
Im Juni folgen sich Vollversammlungen der "Bewegung", Boykott- und Aktionstage, an denen der Ruf nach Räumen für ein "Autonomes Jugendzentrum" immer ultimativer wird. Die SP der Stadt Zürich erklärt sich bereit, die Trägerschaft für ein solches AJZ zu übernehmen. Der Stadtrat beschliesst, die Liegenschaft an der Limmatstrasse 20 zur Verfügung zu stellen. Am 25. Juni tritt die von mehr als 1000 Personen besuchte Vollversammlung auf das Angebot von Stadtrat und SP ein. Schlüsselübergabe ist Samstag, 28. Juni. Damit ist das AJZ Wirklichkeit geworden.
Was dies für junge Menschen der "Bewegung" bedeutete, zeigen die Worte von Andi (19 Jahre): "Ich habe geheult, weisst du, unter dem Kastanienbaum im Hof, als wir endlich drin waren im AJZ. Ich habe geschrieen. Es kam von ganz tief unten. Ich hatte einfach Lust, es hat mich richtig geschüttelt. Dann lagen wir im Dreck, vor Erschöpfung, und haben gelacht und geweint."
Mit der Eröffnung des AJZ sind aber keineswegs ruhige Zeiten angebrochen. Es braucht Geld für dringende Renovationen. Die Fr. 140'000.-, die der Stadtrat beschliesst, sind völlig ungenügend. Es wird weiter demonstriert: gegen die Wohnungsnot, für Freiräume, gegen alle Unterdrückung. Das AJZ hat eine schlechte Presse: es sei ein rechtsfreier Raum, Unterschlupf für alle möglichen Verbrecher und polizeilich Ausgeschriebene, es herrsche ein Chaos, die hygienischen Verhältnisse genügen nicht. Der Stadtrat gerät von bürgerlicher Seite und durch die Staatsanwaltschaft immer mehr unter Druck. Am 4. September kommt es zur grossen Razzia im AJZ und zum Eclat. 137 Personen werden verhaftet. Das AJZ wird polizeilich geschlossen und mit Stacheldrahtrollen abgesperrt. Die fast wöchentlichen Demonstrationen und Zusammenstösse zwischen Polizei und Bewegungsaktivisten nehmen ihren Lauf und werden von Mal zu Mal härter. Die Verletzungen nehmen zu. Die Sachbeschädigungen heizen das Klima noch mehr an. Es tauchen Aufrufe zum Formieren von Bürgerwehren auf. Die Spirale dreht sich immer schneller und brutaler und nirgends zeigen sich Kräfte und Gruppierungen welche bereit sind, zwischen die Kampfparteien Bewegung auf der einen Seite, politische Behörden, Parteien, Polizei, Bevölkerung auf der andern Seite zu treten.
Das ist die Stunde der Kirchen. Diese setzen sich auf unterschiedliche Weise ein: Im Dezember sind es vor allem die Pfarrer und Seelsorgerinnen der reformierten, katholischen und christkatholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich, unter ihnen die Dekane und Pfr. Ernst Sieber. Sie mobilisieren für die Weihnachtstage viele Helfer und Helferinnen und sind bei der grossen VV der Bewegung am 24. Dezember am Bürkliplatz und beim anschliessenden Demonstrationszug von ca. 5000 Personen durch die Bahnhofstrasse zum geschlossenen AJZ präsent und erreichen einen relativ friedlichen Verlauf. Lediglich beim AJZ kommt es zu Auseinandersetzungen, die dann allerdings in Scharmützeln bis zum andern Tag dauern.
Der zweite Teil des Weihnachtseinsatzes der Seelsorger besteht in der Aktion "Offenes Haus". Sie haben dafür vom Stadtrat vom 24.-26. Dezember die Rote Fabrik in Wollishofen erhalten und sind mit insgesamt 170 Helfern rund um die Uhr präsent. Es kommen aber relativ wenig Besucher, weil die Bewegung die Rote Fabrik als Alternative zum AJZ ablehnt, und weil viele eine Falle der Polizei wittern. Die kirchlichen Behörden der Stadt Zürich, der reformierte und der katholische Stadtverband stützen diese Aktionen und setzen dafür Fr. 20'000.- ein.
Die Initiative des Kirchenrates des Kantons Zürich
Auf anderer Ebene ergriff der Kirchenrat des Kantons Zürich die Initiative, der sich in der Folge die römisch-katholischen Instanzen von Stadt und Kanton Zürich und die Stiftung Pro Juventute anschlossen. Dies führte schliesslich zur Wiedereröffnung des AJZ. Die entscheidenden Schritte sind im folgenden dargestellt.
Entscheidend war die Tatsache, dass im Rahmen der landeskirchlichen Dienst- und Stabstellen die Arbeitsstelle für Jugendfragen mit dem Sozialarbeiter Hans Stamm besetzt war. Er war im bewegten Jahr 1980 Anlaufstelle der verschiedensten Menschen aus der Bewegung, aus der Jugendhilfe, aber auch aus Behörden und Politik. So zog Stadträtin Emilie Lieberherr ihn etwa zu Rate, besuchte auch mit ihm die Liegenschaft Limmatstrasse 20, als der Stadtrat sich mit dem Gedanken trug, diese Liegenschaft für ein AJZ zur Verfügung zu stellen. Hans Stamm riet ihr davon ab: das Gebäude habe eine depressive Ausstrahlung, und die Nähe zum Hauptbahnhof berge die Gefahr, dass es zum Drogenumschlagplatz für halb Europa werde. Der Stadtrat stellte die Liegenschaft trotzdem zur Verfügung. Mit Stamm hatte der Kirchenrat einen Mitarbeiter, der über das komplexe Geschehen des Jahres 1980 und die Mischung von berechtigten Anliegen und Gewaltbereischaft auf allen Seiten differenziert Bescheid wusste. Davon profitierte unmittelbar sein direkter Vorgesetzter, Kirchenratsvizepräsident Werner Kramer - also der Schreibende. So ist es wohl natürlich, wenn ich im folgenden gelegentlich in den Ich-Stil wechsle. Als Direktor des Evangelischen Lehrerseminars Zürich-Unterstrass hatte ich naturgemäss ein vitales Interesse an allem, was die junge Generation im Rahmen der gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen unserer Epoche betrifft. Die Auseinandersetzungen des Jahres 1980 waren ein Indikator solcher Veränderungen.
Angesichts der immer massiver werdenden Kämpfe auf der Strasse nach der Schliessung des AJZ im September 1980, hielten Stamm und ich es für nötig, mit einem Schreiben an alle Kirchenpflegen und die Pfarrschaft des Kantons Zürich zu gelangen, um ihnen die Situation, wie wir sie wahrnahmen, zu skizzieren und sie in der angeheizten Situation um Verständnis und Besonnenheit zu bitten. In diesem Schreiben brauchte der Kirchenrat zum ersten Mal das Bibelwort vom "Dienst der Versöhnung", welcher der Kirche aufgetragen ist. Damit begründete der Kirchenrat Motivation und Ziel seines Engagements im Rahmen der sogen. Jugendunruhen.
Gleichzeitig liefen die internen Besprechungen zur Situationsanalyse und zur Vorbereitung eines konkreten Einsatzes im Problemkreis. In diesem Zeitpunkt gelangte Stadträtin E. Lieberherr mit der Anfrage an den Kirchenrat, an den römisch-katholischen Generalvikar sowie an die Pro Juventute, ob diese drei Gruppierungen gemeinsam die Trägerschaft für die Rote Fabrik übernehmen könnten, welche der Stadtrat für Alternativkultur zur Verfügung stellen wollte. Auf Grund der Situationseinschätzung kam der Kirchenrat zusammen mit Hans Stamm zum Schluss, dass die Übernahme dieser Trägerschaft kein konstruktiver Beitrag zur Entspannung der Lage in Zürich sei. Denn die Bewegung würde nicht daran denken, sich auf die Rote Fabrik umleiten und damit ruhig stellen zu lassen. Durch die Erfahrungen mit dem AJZ an der Limmatstrasse und die fast allwöchentlichen Kämpfe auf der Strasse nach der Zwangsschliessung des AJZ war dieses längst zum Symbol geworden, an dem kein Weg vorbeiführen würde. Und zwar zum Symbol im doppelten Sinn: zum Symbol für eine Welt der Selbstbestimmung, der Anerkennung und Wärme, aber auch zu einem Kampfsymbol. So musste die Frage lauten: Ist der Kirchenrat bereit, im Namen der Landeskirche die Trägerschaft für das wieder eröffnete AJZ zu übernehmen, und können auch die Vertreter der katholischen Kirche und der Pro Juventute dafür gewonnen werden?
Der Kirchenrat traf am 10. Dezember den entsprechenden Grundsatzentscheid im vollen Bewusstsein der Unlösbarkeit der Aufgabe und des Widerstands auf den dieser Entscheid nicht nur in der Parteipolitik sondern auch bei Kirchenbürgern stossen musste. Der "Dienst der Versöhnung", dem der Kirchenrat sich verpflichtet sah, forderte aber von ihm, "in den Riss zu treten" (zwischen Bewegung und Stadtrat), wie er seine Aufgabe im folgenden mit diesem Zwinglizitat umriss.
In den Weihnachtsferien verfasste ich fern von Zürich den Entwurf für eine eingehend begründete Absichtserklärung zu Handen des Stadtrates. Diese bildete zu Beginn des Jahres 1981 die Grundlage verschiedener Besprechungen mit den Partnerorganisationen der katholischen Kirche von Stadt und Kanton Zürich und der Pro Juventute. Der reformierte Stadtverband war dabei jeweils durch seinen Präsidenten Gottlieb Burkhard verteten. In der Folge entschied der ref. Stadtverband aber, sich nicht an der Trägerschaft des AJZ zu beteiligen, sondern sich auf andere Jugendprojekte zu konzentrieren.
Die Verantwortlichen des Kirchenrats, der römisch-katholischen Zentralkommission, des Generalvikariats, des katholischen Stadtverbands und der Pro Juventute kamen nach vielen sachlichen, rechtlichen und finanziellen Abklärungen und Gesprächen mit Personen aus der Trägerschaft der ersten AJZ-Periode überein, dem Stadtrat ihre Bereitschaft für die Übernahme der Trägerschaft für ein AJZ an der Limmatstrasse zu bekunden. Der Wortlaut dieser Bereitschaftserklärung zeigt noch heute, dass die Trägerschaft ihr Engagement nicht blauäuig und naiv, sondern im Bewusstsein aller Schwierigkeiten aber entschlossen eingegangen ist. Am 26. Februar überbrachte ich diese Bereitschaftserklärung Stadtpräsident Sigmund Widmer. Das dämmrige Licht in seinem Zimmer und das grosse Bild von Hunziker mit dem Schafe hütenden David sind mir noch lebhaft vor Augen. Der Stadtpräsident überflog das Geschriebene und legte die Blätter, wie mir schien, etwas unwillig auf die Seite und sagte: "Wenn die Kirchen dafür sind, können wir nicht dagegen sein."
Am Sonntag, 29. März 1981, fand die Medienkonferenz von Stadtrat und Trägerschaft im Stadthaus statt. Die Bekanntgabe der baldigen Wiedereröffnung des AJZ wirkte weitherum als Sensation.
In den Unterlagen zu dieser Medienkonferenz heisst es: "Die kirchlichen Behörden haben sich zu ihrem Einsatz entschlossen, weil es zum Auftrag der christlichen Kirchen gehört, den 'Dienst der Versöhnung' zu leisten. Sie hoffen gemeinsam mit Pro Juventute, dass es so möglich ist, den Teufelskreis von Gewalt zu durchbrechen. Denn sie lehnen alle Gewaltanwendung gegen Sachen und Menschen ab. Sie setzen sich aber für ein Ernstnehmen der Probleme ein, welche im Zusammenhang mit der Bewegung sichtbar geworden sind." Und: "Damit sind wir nicht am Ende, sondern am Anfang eines neuen Wegstücks. Die kirchlichen Gremien und Pro Juventute können die anstehenden Konflikte nicht lösen. Durch ihr Mittragen und Mitverantworten eines selbstbestimmten und selbstverwalteten Jugendzentrums wollen sie aber ihrerseits einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen verschiedener Herkunft, verschiedenen Alters und verschiedener Bekenntnisse menschlich miteinander umgehen."
Der Vertrag mit der Stadt wurde auf drei Jahre abgeschlossen. Die Stadtrat erklärte sich darin bereit, für die bauliche Einrichtung des Gebäudes einen Betrag von mindestens Fr. 1'000'000.- zu sprechen. Die Kirchen und Pro Juventute verpflichteten sich für die Jahre 1981-83 gemeinsam jährlich maximal Fr. 500'000.- aufzubringen.
Gratwanderung: Was tut die Trägerschaft eines autonomen Jugendzentrums?
So klar die Kirchen und Pro Juventute auch ihre Bereitschaft erklärt hatten, "in Zusammenarbeit mit der Stadt und der Bewegung die Trägerschaft für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum im Rahmen der Gesetzgebung, aber ohne zusätzliche Vorschriften zu übernehmen", so wurde doch von Seiten der Öffentlichkeit, der Parteien und auch der Behörden immer wieder die Erwartung an sie gestellt, sie hätten die Führungsverantwortung übernommen und müssten die Bewegungsaktivisten disziplinieren. Auf der andern Seite standen die Vertreter der Trägerschaft in der Anfangszeit bei den AJZ-Gruppen im Verdacht, verlängerter Arm des Stadtrates oder gar der Polizei zu sein.
Da war nach allen Seiten klar zu machen: Wir ermöglichen als Trägerschaft des AJZ, dass Menschen aus der Bewegung hier selbstbestimmt ihr gemeinsames Leben gestalten, entwickeln und miteinander und einander gegenüber verantworten können. Wir sind Berater, Vermittler, Fürsprecher und zeigen auf, was noch im Rahmen der Gesetze ist, und was man beim Überschreiten dieser Grenzen von der Polizei oder von der Öffentlichkeit zu gewärtigen hat. Die Verantwortung liegt bei jedem selber, nicht bei der Trägerschaft. Natürlich versuchten wir in konkreten Fällen auch, solche Überschreitungen zu verhindern: etwa als im Sommer 1981 Oberstufenschüler Gefallen daran fanden, die vorbeifahrenden Tramzüge mit Kugeln aus Kugellagern zu beschiessen.
Angesichts dieser Gratwanderung war es unumgänglich, dass in der Trägerschaft in allen Dingen Einigkeit, Solidarität und Vertrauen herrschte. Dies war bis auf eine Ausnahme der Fall. So ist es wohl am Platz, hier die Namen der direkt Beteiligten zu nennen: Der Vorstand des 1981 gebildeten "Vereins für ein selbstverwaltetes Jugendzenrum in der Stadt Zürich" bestand (von Seiten des Kirchenrates) aus der Juristin Dr. Ruth Biedermann, Winterthur, Dr. Werner Kramer, Zürich, (Präsident) und Hans Stamm (Aktuar); von Seiten der römisch-katholischen Zentralkommission aus Erika Strobel, Zürich, (Vizepräsidentin) und Hansruedi Häusermann; von Seiten des katholischen Stadtverbandes aus Ernst Zehnder, Zürich, (der den Präsidenten des Stadtverbandes in einer rechtlich schwierigen Situation abgelöst hatte); und von Seiten der Pro Juventute aus Heinz Bruni sowie Marianne Schneider. Die regelmässige direkte Präsenz im AJZ und damit der in höchstem Masse anspruchsvolle Teil der ganzen Arbeit oblag dem sogen. Arbeitsausschuss. Dazu gehörten Hans Stamm und Urs Boller (vom Kirchenrat zur Verfügung gestellt), Hansruedi Häusermann und Marc Dinichert (Zentralkommission) und Marianne Schneider, André Eisenstein und Linus Jauslin (Pro Juventute). Von allen diesen Gratwandererinnen und Gratwanderern habe ich viel gelernt an Mut und Klarheit; für alle hätte ich die Hand ins Feuer gelegt.
Es gab auch einen weiteren Kreis von Personen, auf die die Trägerschaft zählen konnte: Besonders wichtig war Jakob Schilling, dipl. Arch., Zürich. Er war zuständig für die bauliche Sanierung der AJZ-Liegenschaft, stellte den Bauführer zur Verfügung und machte es möglich, dass die AJZ-Leute selber die Arbeiten ausführen konnten und so eine bescheidene Entschädigung erhielten. Dann ist der Anwalt Dr. iur. Ullin Streiff, Wetzikon, zu nennen. Er nahm sich entschädigungslos aller rechtlichen Fragen an und bewahrte die Vorstandsmitglieder dank seiner Beherztheit und seinem Sachverstand vor einem gerichtlichen Verfahren. Und schliesslich die beiden Professoren Ambros Uchtenhagen, Sozialpsychiatrie, Zürich, und Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, Soziologie, Zumikon. Sie waren immer bereit, innert 24 Stunden mit uns zusammen zu kommen, wenn sich plötzlich die Probleme türmten oder wir das Bedürfnis hatten, eigene Sichtweisen und Entscheidungen mit vertrauten Aussenstehenden kritisch zu durchleuchten. Das Letztere gilt auch für den damaligen Rektor der Universität, Prof. Gerold Hilty. Alle diese trugen dazu bei, dass wir bei der Gratwanderung das Gleichgewicht nie völlig verloren.
In Schwierigkeit brachten uns andere: z.B. Verantwortliche der Kantonalen Finanzdirektion, welche über die Frage des Wirtens im AJZ zu befinden hatten. Eine Person mit Wirtepatent war jeweils leicht zu finden. Aber die Genehmigung, einen Gastbetrieb - und gar mit Alkoholauschank - zu führen, war während des ganzen AJZ-Jahres ein ungelöstes Problem. In der ersten Phase war es zwar möglich, jeweils am Freitag für das bevorstehende Wochenende eine "Festbewilligung" zu erhalten. Dann aber wurde diese nicht mehr gewährt mit der Begründung, es würde das ordentliche Bewiligungsverfahren unterlaufen.Das vom Stadtrat offiziell eingereichte Gesuch wurde abgelehnt mit dem Hinweis darauf, dass sich im Umkreis von 300 Metern bereits drei Restaurants mit Recht auf Alkoholausschank befinden. Das Gesetz begrenze die Anzahl Restaurants in einem Quartier aufgrund des Quotienten "Anzahl Einwohner geteilt durch Anzahl Restaurants". Diese Bestimmung war uns wohlbekannt. Nur wussten wir, dass im gleichen Zeitraum ein bis dahin nicht öffentlich wirtendes Zunfthaus am Limmatquai ohne Probleme eine Sonderbewilligung erhalten hatte, ogleich am Limmatquai der "Quotient" noch wesentlich ungünstiger war. In solchen Situationen war es schwierig, nicht bitter und zynisch zu werden und auf das Einhalten der Rechtsordnung zu pfeifen. Denn im Ernst: Wer kann sich ein AJZ ohne Alkoholausschank vorstellen? Die Folgen zeigten sich umgehend: Die Leute kamen mit Bierharassen auf dem Rücken und tranken, bis sie betrunken waren. Dies brachte dann Radau und Schwierigkeiten und dazu eine alle belastende Stimmung. Da war es oft schwierig, an Einsicht, Verständnis und guten Willen von Amtsinhabern zu glauben.
Schritte voran und Schritte zurück
Am vitalsten waren die ersten Monate nach der Eröffnung des AJZ mit der neuen Trägerschaft. Gründe dafür gibt es mehrere:
Da ist natürlich der Schwung, der durch die Tatsache der Wiedereröffnung ausgelöst wurde und bei allem Chaotischen für eine Aufbruchstimmung sorgt. Da ist die Tatsache, dass Geld vorhanden ist, das für Teilrenovationen eingesetzt werden kann. Da sind aber auch Teile der ehemaligen AJZ-Projektgruppen, die wieder kommen und unter günstigeren Bedingungen ihre Arbeit wieder aufnehmen.
So beginnt die Renovationsgruppe unter kundiger Anleitung durch Fachleute ihre Arbeit. Die Pressegruppe, die Aktiongruppe, die Frauengruppe, die Töpfergruppe, die Beizengruppe, die Konzertgruppe etc. formieren sich. Die Stimmung ist im Ganzen friedlich. An schönen Wochenenden im Frühsommer sind bis zu 3000 junge Leute im AJZ, sitzen am Schatten, liegen an der Sonne, reden miteinader und geniessen den Tag.
Es zeigt sich immer deutlicher: die Arbeitsgruppen sind die eigentlichen Träger des Betriebs. Sie übernehmen all die Funktionen, die sich in einem Zentrum mit so vielen Menschen ergeben, etwa als "Animatoren", als "Mädchen für alles", als Sozialarbeiterinnen und Sanitäter. Sie bilden die werdende Struktur des Ganzen. Dies wird dadurch unterstützt, dass ihnen eine Entschädigung von Fr. 250.- pro Woche für tägliches Arbeiten von mindestens acht Stunden ausgerichtet werden kann.
Dass das AJZ nicht nur ein Zentrum für Alternativkultur ist, zeigt sich von Anfang an. Es ist gleichzeitig ein Sozial- und Sozialhilfezentrum und will dies auch sein. Alkoholiker, jugendliche Ausreisser, Drogenabhängige und Obdachlose finden sich in wachsender Zahl ein. Für sie ist das AJZ Notschlafstelle und Lebensraum. Sie fühlen sich hier geschützt, akzeptiert. Sie bringen aber auch Probleme mit sich, welche nicht einfach durch repressionsfreie Selbstregulierung gelöst werden können. Dies gilt in besonderem Masse für die Drogenabhängigen. Ihnen gegenüber gilt die AJZ-interne menschenfreundliche Devise "Fixer ja - Dealer nein". Es zeigt sich immer klarer und verhängnisvoller, dass fixen und dealen nicht zu trennen ist. Dies ist ein wichtiger Grund für Niedergang und Ende des AJZ.
Eigentlich ist es erstaunlich, dass bei dieser komplexen Gemengelage doch relativ rasch Strukturierungsprozesse in Gang kommen. Mehr noch als die Vollversammlungen tragen die Koordinationssitzungen der Arbeitsgruppen dazu bei. Hier wird um Interessen gestritten, hier einigt man sich auf gemeinsam vertretene Regeln.
Trotz gegenteiligen Gerüchten ausserhalb ist es für niemanden ein Problem, das AJZ zu betreten. Der Eingang ist ja immer offen. Ich selber wurde kein einziges Mal, zu keiner Tages- oder Nachtzeit angerempelt oder gar bedroht, obgleich ich weder in Alter noch in Kleidung den typischen AJZler repräsentiere. Dabei war ich im AJZ den Wenigsten als "einer von der Trägerschaft" bekannt. Das Gleiche ist auch von den Vollversammlungen oder den Zusammenkünften der sogen. Koordinationsgruppe zu sagen.
Natürlich war ich nicht kompetent zu beurteilen, ob im AJZ, wie draussen immer wieder befürchtet wurde, Schwerverbrecher untergetaucht waren. Auf Anzeichen bin weder ich noch die mit der Situation ungleich besser vertrauten Mitglieder des Arbeitsausschusses gestossen. Eltern, die erregt oder besorgt anläuteten, weil sie ihr Kind im AJZ vermuteten, konnte man getrost raten, zu kommen und nachzusehen; ein Mitglied des Arbeitsausschusses werde sie begleiten.
Trotzdem hielt sich in rechtsbürgerlichen Kreisen und bei anderen Gegnern des AJZ die Redewendung vom "¤rgernis eines rechtfreien Raumes AJZ" hartnäckig. Es wurde gerügt, dass die Polizei das AJZ nicht betreten könne. So stimmt das nicht. Wenn ich selber im AJZ war, sah ich immer wieder Paare von zwei athletisch gebauten jüngeren Männern in Turnschuhen und Sportjacken, die im Areal herumschlenderten, jeder eine offene Bierflasche in der Hand. Wenn sie dann die Bierflasche noch mehr als halbvoll auf ein Fenstersims stellten und miteinander langsam das AJZ verliessen, war ich nahezu sicher: das waren zwei Polizisten. Das andere stimmt: Auftreten und die Leute auffordern, sich auszuweisen, das konnten sie nicht, oder taten es sympathischerweise nicht. Ich dachte mir dabei: Sie tun das ja auch nicht, wenn ich im Areal meiner Schule sitze.
An unerwarteten Rückschlägen fehlte es nicht. Einer ist mir unvergesslich. Am strahlenden 19. Mai 1981 - wir feierten an der Schule das 25-Jahr-Jubiläum meines Stellvertreters mit einem Ausflug auf den Albis - wollte ich nach der Rückkehr nach Zürich noch einen Augenschein im AJZ nehmen. Als ich mich näherte, hörte ich das Dröhnen eines Kompressors, und schliesslich sah ich einen jungen Mann auf dem geteerten Carparkplatz neben dem AJZ. Er hatte mit dem Kompressor bereits einen beträchtlichen Teil des Boden aufgebrochen, die unregelmässigen Teerstücke waren halb auf einander geschoben. Dieser Carparkplatz war eines der Kampfobjekte der AJZ-Bewohner. Sie beanspruchten ihn als Teil des AJZ. Den geteerten Boden wieder in Naturboden zu verwandeln, galt überdies wohl als kulturelle Tat. Ich hörte im Geist bereits die Vorwürfe die bei der nächsten Sitzung mit der Stadtratsdelegation an uns gerichtet würden.
Andere Probleme gab es mit AJZ-Gästen, die sich in benachbarten Restaurants mit Dealern trafen, die nicht bezahlten oder durch ihre Anwesenheit die Kundschaft vertrieben.
Schliesslich waren die Demonstrationen auf der Strasse und die Sachbeschädigungen zwar seltener geworden, hatten aber trotz AJZ und gerade ums AJZ herum nicht völlig aufgehört. Zudem gab es neue Vorfälle wie das Beschiessen von Tramzügen mit Stahlkügelchen aus Kugellagern. Bei all dem bestand draussen die Neigung, dies der Trägerschaft anzulasten. Dies alles und vieles mehr hielt die Trägerschaft und vor allem die Glieder ihres Arbeitsausschusses in Atem.
Hin und Her mit dem Stadtrat
An der Medienkonferenz im März hatte der Stadtrat folgendes erklärt:
"Der Stadtrat steht dem geplanten Experiment positiv gegenüber. Sein Engagement erschöpft sich deshalb nicht in finanziellen Leistungen. Vielmehr wird eine ständige Delegation des Stadtrates der Trägerschaft zur Seite stehen und geeignete Personen aus der Verwaltung werden zur Verfügung gestellt, um mit der Trägerschaft und den Selbsthilfegruppen sich der auftauchenden Probleme anzunehmen."
Im Vertrag wurde u. a. vereinbart:
"Der Stadtrat bezeichnet aus seinen Reihen eine Delegation, welche auf Wunsch des Partners (d. h. der Trägerschaft) kurzfristig zu Verhandlungen zur Verfügung steht, um auftauchende Probleme zu erörtern und einer Lösung entgegen zu führen."
Die Delegation bestand aus Stadtpräsident Sigmund Widmer (der seinen Rücktritt per Wahltermin Frühling 1992 bereits öffentlich bekannt gegeben hatte), dem Polizeivorstand Stadtrat Hans Frick, der Sozialvorsteherin Stadträtin Emilie Lieberherr und dem jüngsten Stadtrat und Anwärter aufs Stadtpräsidium Thomas Wagner. Mit dieser Delegation traf sich die Delegation der Trägerschaft während des knappen AJZ-Jahres insgesamt zu 35 Sitzungen, meistens frühmorgens um sieben Uhr. Auch die Stadtratsdelegation musste sich daran gewöhnen, dass ein selbstbstimmtes Jugendzentrum selbst bestimmt, was zu tun und zu lassen ist und also von der Trägerschaft zwar ermöglicht, unterstützt, kritisch begleitet, aber nicht geführt wird. Das wurde immer wieder an konkreten Punkten und Ereignissen durchexerziert. Im Verlaufe der Zeit wuchs das gegenseitige Vertrauen, und wir fühlten uns als ehrliche Makler akzeptiert.
Besonders mit Stadtrat Hans Frick, der als Polizeivorstand den Problemen am nächsten stand, ergab sich mit der Zeit ein sehr gutes gegenseitiges Verhältnis. ¤hnliches gilt für den Chef Kriminalpolizei, während wir uns vom Kommandanten nie ernst genommen fühlten. Er hielt sich an die Schlagworte des Kalten Krieges und blieb bei der Behauptung, Demonstranten würden mit Geldern aus Moskau bezahlt. Nach Indizien oder erhärteten Beispielen befragt, schwieg er unter Berufung auf sein Berufsgeheimnis.
Auf Grund des Druckes von politischer Seite und wohl auch wegen Polizei interner Befürchtungen zeichnete es sich im Juni ab, dass die Polizei im AJZ allgemeine Personenkontrollen durchführen musste. Da beim ersten Mal alle, die keinen Ausweis auf sich trugen, mit auf die Polzeiwache genommen wurden, entstand im AJZ grosse Unruhe, Wut und Angst. Auf unsern Rat hin wurde von der zweiten Kontrolle Ende Juni an der mobile Fahndungscomputer mit ins AJZ genommen. Die aus dem Schlaf geweckten Insassen wurden genau informiert, worum es gehe und dann gleich an Ort und Stelle überprüft. So hielten sich Wut, Unsicherheit und Widerstand in Grenzen. Weitere Personenkontrollen verliefen nach folgendem Muster: Stadtrat Frick rief mich jeweils frühmorgens an und sagte: "Wir beginnen jetzt mit einer Kontrolle im AJZ. Ich melde das, dass Sie kommen und das Ganze beobachten können." Ich stand dann jeweils rasch auf, setzte mich aufs Velo, fuhr ins AJZ und konnte mich Mal für Mal überzeugen, dass die Polizei überlegt und im Ganzen rücksichtsvoll vorging. Das galt auch für den unangenehmen Fall, dass gewisse Räume verschlossen waren und sich kein Schlüssel auftreiben liess. Jedes Mal gab es auch Verhaftungen, Schwerverbrecher waren aber keine darunter.
Schlechte Erfahrungen machte André Eisenstein, Mitglied unseres Arbeitsausschusses. Im Gefolge einer gewalttätigen Demonstration drang die Polizei ins AJZ ein. Eisenstein wurde in die Enge getrieben und, als er sich als Mitglied der Trägerschaft zu erkennen gab, wurde er zusammengeschlagen. Die nachträgliche Untersuchung führte zu keinem Ergebnis. Eisenstein konnte den Täter zwar wieder erkennen. Aber der Korpsgeist der Polizeitruppe hielt dicht und verschob den Betreffenden für die Tatzeit an einen andern Ort vor dem AJZ.
Auch die Verhandlungen mit der Stadtratsdelegation wurde von der Tatsache überschattet, dass im Frühling 1982 Stadtrats- und Gemeinderatswahlen anstanden, 1981 also ein Vorwahljahr war. Dies zeigte sich darin, dass mit der Zeit nicht nur die persönliche Sicht, sondern mehr und mehr auch der Parteistandpunkt oder das Achten auf die Stimmung der Stimmbürger die Voten mitbestimmten.
Immerhin entwickelte sich das Verhältnis aber so, dass wir im Spätherbst fanden, eine erste direkte Begegnung zwischen Stadtratsdelegation und Koordinationsgruppe des AJZ sollte möglich sein. Die Trägerschaft empfand sich ja als Notlösung. Sie wollte nur so lange "in den Riss treten" bis die beiden Parteien links und rechts des Risses wieder direkt miteinander sprechen und verhandeln konnten. Mir sind Tag und Szene unvergesslich. Man traf sich am 5. November 1981 frühmorgens um sieben Uhr - es war noch Nacht - im Saal des landeskirchlichen Hauses am Lindentor. Ich war schon früh dort und stand nervös unter der beleuchteten Haustür. Noch sehe ich die AJZ-Leute in Grüppchen zwischen den Häusern auftauchen. Manche trugen Plasticsäcke. Mir schoss durch den Kopf: "Wenn sie nur nicht Farbbeutel bei sich tragen..." Aber sie hängten alle ihre Säcke in die Garderobe. Zu einem gedeihlichen Gespräch kam es nicht. Vor allem Frau Lieberherr und die AJZ-Leute begannen bald, einander Vorwürfe zu machen. Von den andern Stadträten verbat man sich alle Belehrungen. Ich selber sass auf Nadeln und hätte ums Haar eingegriffen. Hans Stamm spürte dies, neigte sich zu mir und flüsterte: "Lass es. Du hast hier keine Verantwortung. Es geht um sie." Die Stadträte verabschiedeten sich einer nach dem andern. Am nächsten Tag hielt ich von Stadtpräsident Widmer und Stadtrat Wagner je einen Brief in Händen. Beide drückten ihr Erstaunen oder ihre Enttäuschung darüber aus, dass sich die Vertreter der Trägerschaft so wenig engagiert hätten.
Kirchensolidarität und Kirchenaustritte
Für den Kirchenrat war wichtig zu wissen, ob Kirchensynode und Kirchenglieder die Art seines Dienstes der Versöhnung mittrugen. Die Kirchensynode hatte drei Mal Gelegenheit, dies zu zeigen und tat dies auf eindrückliche Art. Schon am 17. März, noch bevor der Vertrag mit dem Stadtrat unter Dach und Fach war, beschloss die Synode die Erhöhung des Kredits für Jugendarbeit und Jugendberatung um Fr. 300'000.-. An einer späteren Sitzung bewilligte sie für die Jahre 1992 und 1993 nochmals je Fr. 300'000.- und zwar mit nur ca. einem Dutzend Gegenstimmen. Auch dem Beitritt zum "Verein für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum in der Stadt Zürich" stimmte die Kirchensynode auf gleiche Weise zu.
Ebenso positiv verliefen alle kirchlichen Veranstaltungen zum Thema, an denen ich Herbst/Winter 1981 das Engagement zu vertreten hatte. Gewiss gab es jedes Mal kritische Einwände, ablehnende Voten und viel Emotionen. Aber der Tenor war in allen Gemeinden so, dass sich bei einer Konsultativabstimmung eindeutig die Mehrheit für das AJZ-Engagement ausgesprochen hätte. Ich erinnere mich an das Votum eines jüngeren Mannes in Bassersdorf, der sagte: "Ich bin Vater von drei Kindern. Ich weiss nicht, welche Wege sie einmal gehen werden. Da ist es für mich gut, hoffen zu können, es gibt eine Kirche, die bereit ist, ihren Weg mit zu gehen, für sie da zu sein." Wie dankbar ich für solche Erfahrungen war, kann jeder Mensch nachempfinden, der sich auch meine Unsicherheiten und selbstkritischen Anfragen vorstellen kann.
Natürlich gab es auch in der Kirche nicht nur Erfahrungen von Solidarität: Im Jahre 1981 schnellte die Zahl der Kirchenaustritte um 800 auf 2348. Viele begründeten ihren Austritt mit dem landeskirchlichen Engagement im AJZ.
Der Niedergang: Drogen und Finanzmangel
Ein vielfach schwieriges Kapitel war das Thema Drogen und AJZ. Der AJZ-interne Leitsatz "Fixer ja - Dealer nein" erwies sich als unrealistisch. Schon früh stand auf dem benachbarten Carparkplatz ein ansehnliches gelbes Zelt. Die Fama ging, dort würde mit Drogen gehandelt. Man konnte auch beobachten, wie grosse, luxuriöse Autos in der Nähe hielten und jemand mit einem Plasticsack ausstieg und bald wieder weg fuhr. Wir meldeten dies der Polizei und ersuchten um rasches Eingreifen. Dies geschah unserer Wahrnehmung nach nicht. Die Polizei begründete dies damit, dass man einen Dealer lange beschatten und ihn in flagranti mit Drogen ergreifen müsse, sonst sei alles ein Schlag ins Wasser. Wir meinten dennoch, die Polizei hätte mehr tun können.
Die Drogen begannen, im AJZ selber eine immer grössere Rolle zu spielen, als das für den Bau und den Betrieb bewilligte Geld knapp wurde. Denn da konnten die Arbeiten der Einzelnen und der Arbeitsgruppen nicht mehr - auch nicht im gewohnt bescheidenen Masse - entschädigt werden. Also mussten viele ein anderes Auskommen suchen - und blieben weg. So wurden die aktiven Gruppen ausgedünnt. Es entstand da und dort ein Vakuum. In dieses Vakuum strömten neue, drogenabhängige AJZ-Besucher. So begann ein Teufelkreis, der sich gegen Ende des Jahres verstärkte. Zwar versuchten die noch aktiven Gruppen weiterhin sich gegen Drogen stark zu machen. Die Drogengruppe dagegen begann sich mehr und mehr mit dem Einrichten eines Fixerraumes zu befassen. Dies war damals ein Problem ersten Ranges, weil Fixerräume noch strikt verboten waren, und sich damit das AJZ und mit ihm die Trägerschaft eindeutig ausserhalb des Gesetzes bewegt hätten. Um den Fixerraum spielte sich im AJZ vor Weihnachten intern ein heftiger Kampf ab: Die Arbeitsgruppen sperrten den entsprechenden Raum mit einer massiven Kette zu. Am folgenden Morgen war sie weggerissen. Sie schweissten die Eisentüre zu. Am nächsten Morgen war sie aufgesprengt. Jetzt wurde auch im AJZ offen gedealt. Als ich um die Weihnachtszeit einmal bei Dunkelheit das AJZ betrat, wurde ich bei den Toiletten gefragt: "Ziehsch öppis ie?" Als ich den Kopf schüttelte: "Laasch öppis use?" Als ich wieder verneinte: "Warum bisch dänn da?"
Über Weihnachten war der Fixerraum trotz allem Widerstand offen, ein Bild des Elends.
Dennoch war auf der andern Seite des Areals Weihnachten nochmals eine lebendige Zeit mit vielen Einfällen und Veranstaltungen, vielleicht zum letzten Mal etwas von der friedlichen, kreativen Bewegungsstimmung.
In verschiedenen Anläufen versuchte man im AJZ, der Drogenfrage Herr zu werden.
Die Trägerschaft beschloss, vom Vertrag mit der Stadt zurückzutreten, wenn sich die Situation bis Ende März nicht verändert hätte.
Eine Feuersbrunst im Dachstock führte am 6. Februar 1982 zu grossen Schäden und verstärkte die Endstimmung.
Ein letzter Versuch wird unternommen: Um das ganze Areal wird eine hohe mit Drahtseilen fixierte Holzwand aufgebaut. Der Eingang zum AJZ-Terrain wird verschliessbar gemacht. In der Nacht darauf wird die Wand niedergerissen und verbrannt. Zwei Tage später, am 17. März 1982 tritt die Trägerschaft vom Vertrag mit dem Stadtrat zurück. Die Polizei räumt das Gebäude. Das AJZ ist zu Ende. In den frühen Morgenstunden lässt der Stadtrat die Gebäude abbrechen.
Es regt sich kein Widerstand. Die "Bewegung" oder, was von ihr übrig geblieben ist, hat das AJZ aufgegeben.
Ziel nicht erreicht - Ziel erreicht?
Nach knapp einem Jahr musste die Trägerschaft vom Vertrag mit dem Stadtrat zurücktreten. Das AJZ wurde abgebrochen. Also: Ziel eindeutig nicht erreicht.
Allerdings haben wir die Trägerschaft für das AJZ nicht deshalb übernommen, weil wir ein AJZ - und erst recht von dieser Grösse, in diesen Gebäuden, an diesem Standort - für ein sozialpädagogisch sinnvolles und chancenreiches Projekt hielten. Wir haben die Trägerschaft übernommen, weil nach dem Verlauf der Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Bewegung in den sogen. Jugendunruhen kein Weg am AJZ Limmatstrasse vorbei führte.
Wir hielten es für unsere Pflicht, im Sinne des "Dienstes der Versöhnung" "in den Riss" zwischen Stadt und Bewegung zu treten, so lange, bis die Kontrahenten wieder direkt miteinander die Probleme würden lösen können, oder wenigstens so lange, bis die Auseinandersetzung nicht mehr gewalttätig geführt würde. Dieses "Wenigste" wurde ohne Zweifel erreicht, die direkte, konstruktive Zusammenarbeit zwischen den Kontrahenten aber nicht.
Sozusagen stellvertretend für dieses nicht stattgefundene Gespräch hat die Trägerschaft dem Stadtrat gegenüber in einem eingehenden Schlussbericht Rechenschaft abgelegt. Darin ist nicht nur Versuchtes, Gelungenes und Nichtgelungenes dargestellt. Das Wichtigste sind wohl die "Folgerungen und Vorschläge". Ausgehend von ihren Problemwahrnehmungen hat die Trägerschaft hier dargelegt, welche Massnahmen die Stadt ergreifen sollte, um die Probleme nicht unkontrolliert wachsen und in neue katastrophale Entwicklungen münden zu lassen.
Hier wird klar zwischen Massnahmen auf kulturellem Gebiet und auf sozialem Gebiet unterschieden. Denn das Zusammenfliessen der ungelösten Probleme dieser beiden Kategorien überforderten die Menschen und Möglichkeiten des AJZ.
Auf kulturellem Gebiet werden neben der Roten Fabrik weitere kleine Freiräume für jugendliche Alternativkultur gefordert. Davon ist heute manches möglich oder in Zürich realisiert, wenn auch oft unter kommerziellem Vorzeichen.
Auf sozialem Gebiet wird alles Gewicht auf die Drogenproblematik gelegt: Präventionsmassnahmen werden gefordert, begleitende Präsenz in der Szene, unkomplizierte Auffang- und Entzugsstationen, geschützte Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten, das Schaffen der Stelle eines Drogendelegierten, aber auch unkonventionelle polizeiliche Präsenz in der Jugendszene überhaupt. Manches davon ist erst unter dem Druck der offenen Drogenszene ernsthaft an die Hand genommen worden. Heute besteht Gefahr, dass manches wegen des Rufs nach Steuersenkung und wegen der neuen Stigmatisierung von Randgruppenarbeit durch rechtsbürgerliche Parteien dezimiert wird - ohne Zweifel mit gravierenden Langzeitauswirkungen.
Die Trägerschaft ist mit einer Fülle neuer Erfahrungen und Erkenntnisse aus ihrem "Dienst der Versöhnung" herausgegangen. Der Brief, den der Stadtpräsident der Trägerschaft des AJZ im Anschluss an ihr Engagement am 22. März 1982 im Namen des Stadtrates geschrieben hat, ist ein Zeichen der Wertschätzung:
Sehr geehrter Herr Präsident,
Sehr geehrte Damen und Herren,
der Stadtrat hat in seiner Sitzung vom 18. März 1982 von Ihrem Brief vom 17. März 1982, mit dem Sie den AJZ-Vertrag mit sofortiger Wirkung auflösen, Kenntnis genommen. Ich wurde beauftragt, Ihren Brief zu beantworten.
Gewiss muss das Experiment zur Bildung eines autonomen Jugendzentrums zur Zeit als gescheitert betrachtet werden. Dennoch bin ich mir der enormen Anstrengungen der "Trägerschaft" bewussst. Während 35 Sitzungen sind wir uns auch menschlich nähergekommen. Man hat zudem im Laufe eines Jahres beiderseits erkannt, wer nur verbal und wer auch tatkräftig mithalf. Sie haben sich bestimmt den Dank der Stadt Zürich verdient und ich mache mich gerne zum Sprecher dieses Gefühls. Mit grösserer zeitlicher Distanz wird man die positiven Aspekte Ihrer Bemühungen noch besser zu würdigen wissen.
Mit guten Wünschen und mit freundlichen Grüssen
der Stadtpräsident
Dr. S. Widmer
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