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Eingesandte Erinnerungstexte
VerfasserIn: Urs P. (Zürich).
Revolution? Revolution!
Ich bin als ältestes von 5 Geschwistern auf einem (kleinen) Bauernhof im Zürcher Unterland aufgewachsen. Der Hof, das war der Mittelpunkt der Welt; alles drehte sich nur um den Hof und sein Überleben. Für dieses Ziel trieben die Eltern die Selbstausbeutung bis an die physischen Grenzen - Mitarbeit der Kinder von klein auf inbegriffen.
Obwohl ich die besten Noten in meiner Primarklasse hatte, war die Lehrerin der Meinung, dass ein Bauernsohn nicht aufs Gymnasium gehört. Nachbarn sahen das etwas anders und setzten durch, dass ich angemeldet wurde - mir war das eigentlich egal, da ich keine Ahnung hatte, was das Gymnasium sein sollte. Das war wohl auch besser so, denn was folgte, war in etwa das Schlimmste, das einem mit 12 Jahren passieren kann: Nicht etwa die schulischen Anforderungen, die waren weiterhin kein Problem. Bald aber war klar, dass das Gymnasium auf einem anderen Planeten lag; da wurde eine andere Sprache gesprochen, da galten ganz andere Werte. Schlimmer noch: Was ich zuhause gelernt hatte (und das war eine ganze Menge), war nicht nur nichts wert, sondern genau das, was es mit "Bildung" zu überwinden galt. In dieser neuen Welt kamen meine Eltern nur noch als ungebildete Bauerntrottel vor. Was diese völlige Umkehrung der alten Werte bewirkte ? Ein Gefühl, den Boden unter den Füssen, jeglichen Halt zu verlieren. Folge war eine völlige Verunsicherung und ein grenzenloser Hass - Hass auf diese primitive, stinkende, dunkle Welt zuhause; Hass auch auf diese eingebildete Welt der Vornehmen, die alles für sich gepachtet haben: Schönheit, Reichtum, Selbstbewusstsein, Macht - vor allem auch die Macht "meine" Welt (heute würde ich sagen die bäuerliche Kultur) zu zerstören. Hätte es damals eine Organisation gegeben, die dazu aufgerufen hätte, den "Züriberg" in die Luft zu jagen, ich hätte wahrscheinlich mitgemacht (statt "roter Khmer" bin ich dann Arzt geworden - so kann das gehen im Leben).
Politik war zuhause kein Thema oder wurde in unbestimmten Nebensätzen abgehandelt - wer ums wirtschaftliche Überleben strampelt, hat keine Zeit für Politik. Während der Gymi-Zeit bin ich über Nachbarn (ehemalige Kommunisten, die dann in der SP gestrandet sind) in die anti-AKW-Bewegung gekommen. Wir hatten eine eigene Gruppe in unserem Dorf und waren eine Zeit lang sehr aktiv, inklusive Teilnahme an allen grossen Anti-AKW-Demonstrationen jener Zeit. Die folgenden Abstimmungsniederlagen waren dann sehr ernüchternd und hinterliessen bei mir das Gefühl, dass man in der Schweiz nie und nimmer etwas ändern kann.
Nach der Matur hatte ich 1979 ein Studium in Geschichte und Ethnologie angefangen und war Anfang 1980 nach Zürich gezogen. Das Erste, was ich von der 80-er Bewegung mitbekam, war die Besetzung der Langstrassenunterführung durch die Gruppe 'Luft und Lärm' Anfang Mai. In unserer WG direkt bei der Unterführung hörte ich es zwar knallen, beachtete das aber nicht weiter. Am anderen Tag konnte ich dann in der Zeitung lesen, was sich vor meiner Haustür so ereignet hatte! An der Uni waren wir eine Gruppe von 5 Leuten, die viel zusammen waren. Eine aus der Gruppe wohnte damals mit F. M. (alias "Müller") in einer besetzten Villa am Züriberg. Sie überredete mich, Ende Mai an eine Demo vors Opernhaus mitzugehen. Eigentlich hatte ich gar keine Lust dazu, da es ja sowieso nur eine dieser langweiligen Latschdemos werden würde. Vor dem Opernhaus blieben wir in den hinteren Reihen und bekamen von den Ereignissen vorne zunächst sehr wenig mit. Nach dem ersten Tränengaseinsatz dachte ich mir, dass sei's dann wohl gewesen. Aber nach der ersten Panik blieben die Leute auf dem Bellevue, standen herum und einige fingen an, Barrikaden zu bauen. So ging es dann einfach weiter.
Allen war klar, dass sich da etwas Unerhörtes ereignete, etwas, das es gar nicht geben dürfte: Die kollektive Demontage der gutbürgerlichen Werte und zwar auf eine sehr lustvolle Art. Krawall tönt nach Gewalt und Krieg. Dieser Abend aber war ein Fest. Was ebenso klar war: Wer die Macht hat, reagiert auf die Umkehrung der Werte (der eigenen Werte) nicht mit Selbstzweifeln und -hass, sondern schlägt zurück. Die Bedrohung der eigenen Welt rechtfertigt alle Mittel.
Ich brauchte kein AJZ und die Militanz der Bewegung war nicht meine Sprache - dafür war ich wahrscheinlich schon zu "alt". Die Militanz der Bewegung schaufelte aber ein Feld frei von den Zwängen und Normen der Gesellschaft; auf diesem Feld konnte wachsen und gedeihen was und wie es wollte: Jeder und Jede war aufgerufen, seiner Kraft und Phantasie freien Lauf zu lassen; alles war erlaubt, solange es niemandem schaden würde. Was vorher so starr und unverrückbar schien, hatte plötzlich Risse bekommen, war ins Fliessen geraten.
Konkrete Erinnerungen ?
Zum Beispiel eine der ersten Vollversammlungen im Volkshaus (der einzigen, an der ich dabei war): Beraten oder diskutiert wurde eigentlich gar nichts. Die Stimmung war dennoch unbeschreiblich: Allen war klar, dass WIR am Drücker sind, dass WIR sagen wo's langgeht. Das also war sie, die MACHT, die dieser verrückte (und eigentlich verschwindend kleine) Haufen von Bewegten gesucht hatte ! !
Zum Beispiel das Auto, das während einer Demo brüsk neben uns bremst; Türen werden aufgerissen und eine Gruppe Zivilpolizisten spurtet gezielt auf eine Gruppe zu, um ohne Hemmungen loszuprügeln. Wer gab da diesen Polizisten was für Befehle ? Wurden die überhaupt noch kontrolliert ?
Zum Beispiel der Polizist, der aus einer Distanz von vielleicht 5 Metern sein Gummischrotgewehr auf mich richtet, es sich dann noch anders überlegt und die ganze Ladung knapp an meinem Kopf vorbei ins Schaufenster jagt. Letzte Grenzen wurden offenbar (meistens) respektiert. Was aber, wenn der "Züriberg" (heute wohl eher das Zürisee-Ufer) einmal nicht nur symbolisch sondern real in seiner Macht herausgefordert werden sollte ?
Was die Bewegung bewegt hat? Was geblieben ist?
Für mich sehr viel. Da waren zunächst zwei Ideen, die ohne die Bewegung wohl Ideen geblieben wären:
Ab 1982 bis zu meinem Wegzug aus Zürich kaufte ich jedes Frühjahr ein Schweinchen, das ich (mit Abfällen aus dem Quartier) mästete und im Dezember jeweils schlachtete - wie es bei den Eltern immer gewesen war. Zuhause hatten alle Nachbarn immer einen Teil der Metzgete bekommen, jetzt gab es jeweils ein Fest für die Besucher des Quartierhauses im Kreis 5. Für die meisten war diese Sache mit dem Schwein ganz einfach ein "Gag", für mich natürlich viel mehr: Der bewusste Rückgriff auf das Wissen der Eltern war auch eine Rückeroberung der Vergangenheit.
In den Sommerferien 1982 hatte ich das Open-air-Kino im Circo Massimo in Rom gesehen. Da ich inzwischen am Röntgenplatz wohnte, wollte ich das unbedingt auch bei uns machen. Noch Anfang der 80-er Jahre machte mit Beginn der Sommerferien das kulturelle Leben in Zürich ebenfalls Pause: Keine Kinopremieren, keine Konzerte, einfach nichts - obwohl der Sommer doch die schönste Zeit in Zürich ist. Die Leute an einem warmen Sommerabend auf einem Platz mitten in der Stadt zusammenbringen, essen und trinken und dann noch einen Film ansehen, das war die Idee hinter dem Sommerkino auf dem Röntgenplatz. Im Stadtrat war als Folge der Unruhen Thomas Wagner gewählt worden, der neu eine offene Kulturpolitik betrieb und deshalb (eigentlich gegen alle Erwartungen) die Bewilligung für das Sommerkino gab. Im dritten Jahr machte der Tages-Anzeiger daraus eine Titelgeschichte im Veranstaltungskalender und statt 200-300 Leute sassen plötzlich tausend Leute vor und hinter der Leinwand. Damit war bewiesen, dass das Open-air-Kino massenhaft Leute anziehen kann. Im folgenden Jahr kam das Kino am See (gleiche Idee, nur monetarisiert) und inzwischen hat schon. bald jedes Dorf sein Open-air-Kino. Ideen lassen sich also nicht nur verwirklichen, sondern können (zur richtigen Zeit, am richtigen Ort) auch weitreichende Folgen haben.
Schliesslich ist es das, was die Bewegung gezeigt hat: Man ist dieser Welt nicht (nur) ausgeliefert; man kann eingreifen, man kann sie verändern - weil sie (die Bewegung) auch einen selber verändert hat. Für mich war die Bewegung eine Revolution, meine Revolution.
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