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Abschrift:
Artikel aus dem Bewegungsblatt KAMIKAZE Nr. 1, Mai 81
Die autonomen Lemminge
Manchmal ist für mich die Bewegung wie eine Herde Lemminge, die rennt und rennt, anstatt einem Leithammel einer imaginären Ideologie hinterher. Autonomie, aber niemand weiss so genau, was das für UNS, UNTER UNS heisst; darum rennen wir mal weiter von Action zu Action, von Demo zu Demo und wenn wir nicht mehr weiter wissen, stellen wir eine neue Forderung auf, die noch grösser und noch schöner ist als alle bisherigen, und vielleicht mal wieder ein Ultimatum dazu - und rennen weiter - weiter bis zur Klippe hinaus in's Meer, in den kollektiven Selbstmord der Selbstzerfleischung und Selbstzerstümmelung.
Die Lust am Sterben ist ja so schön und wenn wir's alle zusammen machen, ist's schon fast orgastisch.
Die Erfahrungen des letzten Sommers haben meine politische Identität ziemlich in Frage gestellt: Früher träumte ich davon, wie schön es wäre, wenn es eine neue Bewegung geben würde. Ich hatte all die Ideale von Anarchismus, Autonomie, Selbstverwaltung und direkter Demokratie ohne hierarchische Strukturen.
Aber es kam ganz anders. Es gab ein riesiges Gerangel um Macht und Einfluss, um Positionen in der Hackordnung der Aktiven. Man löste z.B. das ARF (=Aktionsgruppe Rote Fabrik) auf, mit der Begründung, man wolle die Bewegung nicht dominieren. In Wirklichkeit änderte sich aber nichts. Im Gegenteil! Als die formellen Strukturen aufgelöst wurden, traten die informellen an ihre Stelle, und informelle Strukturen (persönliche Kontakte, Sitzungen, an die nur Leute eingeladen werden, die sich dem Verhaltens- und Moralkodex des inneren Klüngels anpassen, kriechen) sind für die grosse Mehrheit noch schwieriger zu durchschauen und zu kontrollieren.
Noch schlimmer finde ich es aber, wie die Sache auf der persönlichen Ebene abläuft. Ich habe das Gefühl, die Atmosphäre wird immer agressiver, die Wortführer und Mikrophonlutscher immer dogmatischer, die VV immer intoleranter. Es braucht, wie in der bürgerlichen Gesellschaft, unheimlich viel Energie, Durchsetzunsvermögen und Ellbogen, um z.B. an der VV oder an der Ko-Sitzung etwas zu melden.
Es kommt mir manchmal vor, als befände ich mich mitten in einem Wettschreien - Oft hätte ich Lust, diesen Schreihälsen die Kehle durchzuschneiden: Immer diese Ohnmacht, die brutale Schmier, der arrogante Stadtrat - aber am meisten nervt mich die Ohnmacht gegenüber den Mechanismen, die unter uns ablaufen, dass wir unter uns kein anderes Verhalten hinkriegen, als dieses chaotische, selbstzerfleischende Gehacke.
Die heile Welt der Frau-Vau
Die meisten Männer werden von solchen Mechanismen genauso blockiert und unterdrückt (oder lassen sich unterdrücken) wie die Frauen. Auch ein Grund, weshalb ich es falsch finde, sich parallel zur VV in eine seperate VV zurückzuziehen. Für mich ist das einfach eine etwas andere Form von Resignation. Frau zieht sich ins Schneckenloch zurück, weil die Welt so böse ist.
Frau muss sich mal vorstellen, die Schwulen, die Wohnungssuchenden, die autonomen Haschischraucher, die Softies und die Chaotengruppe “Zündet das AJZ an" machen alle ihre seperat-VV neben der normalen am Mittwoch...
Ein offensives Vorgehen, das aber auch mehr Mut voraussetzen würde, wäre z.B. eine normale VV in eine Frauen-VV umzufunktionieren, so dass eine VV lang (oder von mir aus mehrere oder periodisch) nur Frauen ans Mik gelassen werden. So etwas wäre Frauen-Power, aber das was jetzt läuft, ist Sektierertum.
VV: Ritual einer Sekte
Aber die Sache mit der Frau-Vau ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Diese Frauen waren sicher nicht die einzigen, die die VV angeschissen hat. Mir und vielen anderen ging's auch so und wir alle haben zugeschaut, wie die VV immer mehr zu einem “birenweichen" Ritual degeneriert ist. Die zehn immergleichen Mikrophongeilen drehen ihre Leiher runter wie der Mann mit der Drehorgel an der “Chilbi": “Woher kommt unser Power - unser Power kommt schliesslich von der Strasse - wir müssen mal wieder heavy Action machen - Demo Demo Demo!" Je nach dem, wie “gut" der Typ (zum Glück sind die Frauen nicht so “bireweich") es bringt, fahren so und so viele Leute auf dieser leeren Formel ab, klatschen und schreien und rufen im Chor: Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil! - Manchmal finde ich die Bewegung wirklich beklopft. Wir degenerieren immer mehr zur Sekte. Die Bewegung ist auf dem besten Weg, sich von innen her aufzulösen. Die Mächtigen werden sich ins Fäustchen lachen: so einfach werden sie uns los. Dabei ist es mir aber zu einfach, die Schuld den bösen mikgeilen Männern zuzuschieben. Für mich sind das weniger Chauvis, sondern eher Typen, die ihr mangelhaftes Selbstbewusstsein dadurch aufzupolieren versuchen, in der Hoffnung auf möglichst viel Streichel-Einheiten, Applaus.
Mir ist diese Kritik der Frau-Vau-Frauen zu oberflächlich. Das riecht mir zu sehr nach blosser Ideologie, nach Identitätsersatz, nach Legitimation für den Rückzug, weil das einfacher ist, als in der Bewegung oder an der VV etwas durchzuziehen. Im Gegensatz zur Frau-Vau und ihren Träumen im Modeblatt hat mir das Lavabo sehr gefallen. In einigen Texten sind persönliche Sachen, Mechanismen, die unter uns ablaufen, Feelings und Frusts, die ich auch so empfinde, sehr treffend formuliert/dargestellt.
Es hat wohl nichts die Bewegung so sehr geschlissen, wie diese 1 _ Millionen, die für's AJZ zur Verfügung stehen. Kaum war das AJZ wieder offen, ging auch schon das grosse Gerangel um's Geld los. Es sind eine Menge Leute eingefahren, in der Renogruppe und anderswo, denen es einfach oder vor allem um den Stutz geht, denen das AJZ nicht sehr am Herzen liegt, die sich, möglichst einfach, ein grosses Stück vom Kuchen abschneiden wollen.
Die Art und Weise, wie mit solchen Problemen an der VV umgegangen wird, finde ich unehrlich und verlogen, erinnert mich wieder an das dogmatische Verhalten einer Sekte, in der nicht ist, was nicht sein darf.
Konkret: Es lief so, dass ein riesiges Chaos herrscht und in den letzten Wochen, seid das AJZ jetzt wieder offen ist, erschreckend wenig gelaufen ist. Die Stimmung an den KO-Gruppensitzungen ist jeweils so agressiv, dass es einen ganzen Monat dauerte, bis wir fähig waren, einen Stellenplan der AG's zusammenzustellen.
Von Anfang an stellte sich die Trägerschaft auf den Standpunkt, solange es keinen VV-Beschluss darüber gäbe, welche AG wie viel bekommt, würden sie keinen Stutz auszahlen - und das völlig zu Recht, wie ich finde.
Wie reagiert die VV darauf? Es ist doch alleweil klar, dass die Trägerschaft die Schuld trägt, dass die AG's keinen Stutz kriegen und jetzt streiken. Die sollen sich nicht so aufspielen (dass sich diese AG der Trägerschaft mit einem 23er die Stunde bezahlen will, finde ich im übrigen auch völlig daneben) und endlich den Stutz rausrücken, am besten alles auf einmal. Und wenn die erste Million durch ist, gehen wir auf die Strasse und fordern die Zweite. Und überhaupt, wir lassen uns von der Stadt und der Trägerschaft nicht gegeneinander ausspielen und spalten! Wir von der autonomen Paffer- und Alkifraktion fordern eine Million für unsere AG!
Wir habens wieder einmal geschafft: Das Feindbild ist wieder einmal intakt und von der Trägerschaft ist zum Glück auch meistens jemand da, auf dem man herumhacken kann/darf. Alles schön nach dem Schema: es braucht ein Feindbild, der Sündenbock muss klar sein - so kann die hohle Einheit wieder hergestellt werden, jetzt ist die Welt wieder in Ordnung.
Jeder ist sich selbst der Nächste - im AJZ
In der Zwischenzeit hört man aber immer wieder Geschichten, was alles krummläuft und was mit “unserem" Stutz alles so passiert, das für das Rote Kreuz oder die Entwicklungshilfe gesammelt wird und dann als goldenes Bett im Schlafzimmer irgendeines Königs im Urwald oder als Schneepflug im Urwald endet.
Da spitze einer ein riesiges Loch, das für eine Tür gedacht ist, in die Kinowand, doch leider von der falschen Seite und deshalb auch am falschen Ort. Der Nächste mauert das Loch dann wieder zu.
Ein paar “Maler" kratzen in tagelanger Arbeit die Farbe von den Wänden, spachteln diese aus und grundieren. Dann meint einer fälschlicherweise, der Gips sei ja faul und spitzt alles weg bis auf die Backsteine.
Ein paar Leute vom Spunten finden, die Bar brauche eine neue Theke aus Marmor. Soweit so gut - ich war schon immer für eine Marmortheke. Aber man kann nicht einfach ins Brockenhaus gehen und Marmorplatten von ein paar alten Kommoden holen und zuschneiden lassen. Es muss unbedingt teurer rosaroter Marmor sein. Ohne abzuklären, was das ganze kostet, gibt man ein paar Leuten 5000.- in bar auf die Hand, damit diese nach Italien fahren, um Marmor zu kaufen.
Im übrigen fordert die Spuntengruppe 250'000 - Fr. von 500'000, die für den Betrieb zur Verfügung stehen, für ihre Löhne, geben aber auch zu, dass die diese Forderung auch nicht für sehr realistisch halten.
Da hat sich wohl die Wohnungsgruppe gedacht, dass es an der Zeit wäre, auch zuzuschlagen und forderte als Versuchsballon gleich mal 50'000 Fr.
Nicht schlecht abgesahnt haben auch die ehemaligen Dachdecker. Dabei regt es mich weniger auf, dass sie in drei bis vier Wochen erst die Hälfte des Bürohausdaches renovieren. Ein Dachdecker, der sich das Dach einmal angeschaut hat, meinte, dass zwei routinierte Dachdecker das Dach in 3 - 4 Tagen umgedeckt hätten, mit einem neuen Unterdach vielleicht in einer Woche oder zwei. Bei den Dachdeckern arbeiten aber so etwa 14 Leute.
Aber was ich daneben finde und mir die Galle hochkommen lässt ist, dass die Kid's genau die Leute waren, die letzten Sommer am meisten gegen die Renogruppe und die Mischler ausgerufen haben. Kaum sind sie jedoch in der Renogruppe, sind sie die grössten Schlitzohren.
Da wurde an einer VV beschlossen, dass von den 15 Stutz Stundenlohn deren zwei für die Knastgruppe abgezweigt werden sollen. Als der Bauleiter bei der nächsten Lohnauszahlung 13 Fr. auszahlen wollte, gingen die Kid's mit dem Bielihammer auf den Typ los. Er solle den ganzen Stutz rausrücken, denn dieser VV-Beschluss interessiere sie nicht, das sei Selbstausbeutung. (Sie waren nicht an jener VV) Dass der Bauleiter nach diesem Vorfall für eine gewisse Zeit die Nase voll hatte, versteht sich da fast von selbst.
Was ich aber am schlimmsten finde, ist dass durch dieses agressive Auftreten einer kleinen Gruppe ein grosser Teil der Leute überfahren wird, weil sie nicht so laut schreien können oder wollen, dass durch dieses schlitzohrige Verhalten die ganze Atmosphäre vergiftet wird.
Schlussendlich läuft das darauf hinaus, dass sich der durchsetzt, der die stärksten Ellenbogen hat, der am agressivsten ausruft, der das grösste Schlitzohr ist - genau wie in der bürgerlichen Gesellschaft!
Und dabei ist gerade die Renovation des AJZ eine Möglichkeit, wo die Leute einmal andere Erfahrungen machen könnten, als auf einer normalen Baustelle, wo irgend etwas wie ein Gruppenfeeling entstehen könnte, wo die herkömmlichen hierarchischen Strukturen anders gestaltet und vielleicht teilweises durchbrochen werden könnten, wo positive Erfahrungen und Bewusstseinsprozesse gemacht werden könnten.
Aber so werden die meisten nach einiger Zeit zum Schluss kommen:
Es läuft ja sowieso überall gleich, man kann halt doch nichts machen (!) um nach einiger Zeit enttäuscht auszusteigen. “Ja, ja, als ich jung war, da war ich auch mal autonom, aber das lief dort genauso - jetzt habe ich meine Familie und andere Probleme."
Von allen diesen Problemen spürte man an den letzten VV's kaum etwas. Das sind unsere lieben kleinen Tabus, die niemand anzusprechen wagt. Selbstkritik ist Ketzerei und Ketzer gehören aufgehängt, mindestens verbal.
Noch was zum Argument, jetzt lassen wir mal diese Million durch und fordern die nächste.
Das ganze Renovationsprogramm wurde nach bürgerlichen Massstäben kalkuliert, also zu den gängigen Auftragsstundenlöhnen von 40 - 50 Stutz pro Stunde. Wenn wir diese Million nun durch haben, wird die Stadt natürlich überprüfen, was aus dem Geld gemacht wurde. Dadurch, dass wir nun anstatt 40 - 50.- nur 15.- (das heisst brutto etwa 20.-) berechnet haben, haben wir einen Spielraum, können also für die selbe Arbeit doppelt oder dreimal so lange haben wie eine kommerzielle Firma. So wie die Renoarbeiten aber im Moment laufen, haben wir fünf bis zehnmal so lange.
Die Mauer bei den WC's kostete etwa 2500 Stutz, eine kommerzielle Bude hätte für dasselbe aber nur etwa 500 verrechnet.
Die Stadt wird das natürlich gross ausschlachten und als Beweis verwenden, dass ein autonomes Jugendhaus eben nicht funktionieren kann. Wir werden ganz bestimmt das Argument zu hören bekommen, dass es sich die Politiker nicht leisten können, weitere Steuergelder in ein Fass ohne Boden zu werfen... Dass das für den Stadtrat ein gefundenes Fressen sein wird, kann sich jeder ausmalen.
Aber stören kann mich das eigentlich nicht sonderlich. Das werden sie immer sagen, solange aus dem AJZ noch kein Drahtschmidli geworden ist.
Mein Problem liegt nicht darin, dass ich den Kids die schönen Tage und der Beiz die rosarote Marmortheke nicht gönnen mag. Ein bisschen chaotisch werden wir ja immer bleiben. Mein Problem liegt darin, dass es mich anscheisst, wenn im AJZ nur noch Leerläufe passieren, wenn wir mit dieser Million nicht so viel renovieren können, wie wir brauchen, damit die notwendigen Infrastrukturen vorhanden sind, dass ein Betrieb überhaupt laufen kann.
Unser Ziel als Kulturgruppe ist es, dass ein gutes Gruppenfeeling entsteht und dass die Leute positive Erfahrungen machen können. Damit wir aber z.B. was aufgestelltes machen können, brauchen wir eine Bühne, einen abschliessbaren Raum und Lichtanlagen.
Den anderen AG's wird es wohl ganz ähnlich ergehen. Wenn wir aber nichts unternehmen, haben wir so etwa in den Sommerferien keinen Stutz mehr und wenn's hoch kommt, ist dann etwa 20 - 30 % der Infrastruktur da, die wir benötigen.
In der Zwischenzeit wird aber auch die Hängerscene immer erdrückender werden und dann können wir wirklich all unsere schönen Träume von all unseren schönen Inhalten, die wir im AJZ hätten verwirklichen wollen, ganz und gar vergessen.
Ich habe schon jetzt den Horror vor dem Gehustle und der Anmache an der ersten VV nach Erscheinen dieser Zeitung. Ich habe mir überlegt, ob ich die ganze Sache nicht besser in eine schön allgemeine Form verpacken solle, damit sich niemand angegriffen fühlt.
Ich hab's nicht gemacht, weil genau das auf dieselbe Selbstzensur herauslaufen würde, die wir der bürgerlichen Presse immer vorwerfen.
Ich hoffe, dass auch die Kid's oder die Leute vom Spunten nun nicht völlig ausflippen und mir persönliche Rache schwören (ich möchte nicht gelyncht werden), weil ich sie als Beispiele genommen habe.
Ziel dieses Artikels ist weder jemanden auszumachen, noch jemanden als Person zu denunzieren.
Ich wollte endlich diese Verlogenheit und Tabuisierung durchbrechen, Püffer unter uns aufgreifen und angreifen, nicht um jemanden zu verurteilen oder die Schuldfrage zu “klären", sondern um ein offenes, produktives und ehrliches Chaos in unseren Köpfen anzuzetteln.
PS: Im Moment sieht es so aus, als ob sich in der Renogruppe einiges gebessert hätte. Es sind z.T. neue Leute dazugekommen und andere gegangen. Es wurden auch vermehrt AG's gebildet, was die Koordination erleichtert. Da es in diesem Artikel aber um eine allgemeine Problematik geht, drucken wir ihn trotzdem ab.
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