80er_Logo wir wollen alles
.
Home

Chronologie

Porträts

Mails

Dokumente

Bibliografie

Buch

Links

Sponsoren

Chronologie der Ereignisse > Niederlande

Datum Ereignis
1978-1980 Tausende von Häusern sind in Amsterdam besetzt. Wegen der grossen Wohnungsnot profitieren die HausbesetzerInnen (Kraaker) und 2500 illegale HausbootbewohnerInnen auf Amsterdams Wasseradern von der Bereitschaft der Stadtbehörden, nur dann einzuschreiten, wenn begründete Interessen tangiert werden.
1979 Die Konflikte verschärfen sich: Eigentümer beginnen, sich mit Schlägertrupps zu wehren, und die Polizei geht bei Räumungen härter vor.
Herbst 1979 In einem Zivilverfahren erzwingt die Baugesellschaft OGEM einen Räumungsbefehl des «Groote Keyser». Die HausbesetzerInnen beginnen, sich zu verbarrikadieren.
19. Dezember 1979 Eine Gruppe von Kraakern dringt in die Sitzung des Gemeimderates ein. Die Störaktion findet ein breites, aber meist negatives Echo in den Medien.
Januar/Februar 1980 Der Bürgermeister gerät zunehmend unter Druck: Linksliberale Teile der Öffentlichkeit wehren sich gegen die Räumung des Spekulationsobjektes in der Amsterdamer Innenstadt, während die Polizeiführung die Räumung des «rechtsfreien Raumes» fordert. Die Behörden reagieren härter auf neue Hausbesetzungen. Gleichzeitig kauft die Stadt sechs besetzte Häuser, u.a. das «Groote Keyser».
24. Februar 1980 Als die Polizei ein besetztes Haus nach einer 24-Stunden-Frist räumt, geht das Gentlemen's Agreement in die Brüche. Dieses Alarmzeichen wird in Kraakerkreisen sofort als Beginn einer neuen Entwicklung verstanden. Sie machen mobil.
29. Februar 1980 Das Haus wird zurückerobert, und die Polizis-ten ziehen ab. Um das besetzte Haus zusätzlich zu schützen, bauen die Kraaker Barrikaden. Hunderte von SympathisantInnen bringen Esswaren, Helme, Geld und Blumen.
3. März 1980 Die Polizei baut die Barrikaden ab. Das Haus bleibt besetzt. Etwa 10000 DemonstrantInnen protestieren in der Innenstadt gegen den Polizeieinsatz.
30. April 1980 Anlässlich der Krönung von Prinzessin Beatrix gehen Tausende auf die Strasse und demons-trieren gegen die Wohnungsnot unter dem Motto «70 Millionen für Trix, für 35000 Wohnungssuchende nix». Auf einem Plakat ist zu lesen: «Nehmen sich die Behörden die Anliegen des Volkes zu Herzen? Nein! In den letzten zehn Jahren hatten die politisch Verantwortlichen nur Geld für Prestigeobjekte: Metro: 2 Milliarden (20000 Wohnungen); Stadthaus und Oper: 360 Millionen aus der Kasse für Hausinvestitionen (3600 Wohnungen); Umbau Schloss Huis ten Bosch: 80 Millionen (800 Wohnungen); Krönung: 56 Millionen (560 Häuser). Einzig die Grossunternehmer verdienen an dieser Art Projekte.» Strassenschlachten mit 205 Verletzten. Danach rüstet die Polizei stark auf.
3. Juli 1980 Der «Vogelstruys» wird geräumt, obwohl die Polizei Leerstand festgestellt hatte (d.h. kein Grund zur Räumung). Noch am selben Tag wird das Haus wieder besetzt und verbarrikadiert. 180 Beamte räumen erneut.
19. August 1980 Während der Räumung des Hauses Prins Henderikkade sind 1300 PolizistInnen im Einsatz. Vier Scharfschützen - hochgehoben von Kranwagen in Hängekörben - decken die vorrückenden Räumungstrupps. Ein Spezialkommando zur Terrorismusbekämpfung wird aufs Dach gehieft und durchkämmt Wohnung für Wohnung. Die meisten Kraaker haben sich durch einen unterirdischen Fluchtweg zurückgezogen. Bei Auseinandersetzungen mit Demonstranten greift die Polizei energisch durch.
9. Oktober 1980 Für die offizielle Einweihung der Metro-Linie wird zu Protestaktionen aufgerufen. Sechs MitarbeiterInnen des Anwaltskollektivs Noord, die den Aufruf im Fenster ihres Büros aufgehängt haben, werden verhaftet. Noch am selben Abend demonstrieren 400 Personen.
10. Oktober 1980 An einer Demonstration werden 163 Personen festgenommen.
11. Oktober 1980 1000 Personen demonstrieren unter dem Motto «Lasst die Leute frei».
1./2. Dezember 1980 Harte Auseinandersetzungen nach einer Räumung. Trotz des Einsatzes von rund 200 zivilen PolizistInnen werden relativ wenige Leute verhaftet. Einige Demonstranten werden verprügelt. In der Folge weicht der militante Teil der Kraaker-Bewegung der direkten Konfrontation mit der Polizei aus. Es kommt vermehrt zu Anschlägen.
Ende 1980 Innerhalb der Kraaker-Bewegung werden die Spannungen immer grösser. Ein Teil der HausbesetzerInnen widmet sich vermehrt der Arbeit im Quartier.
1981 Die Situation entschärft sich zunehmend. Die Kraaker geniessen in der Bevölkerung viele Sympathien. Im Frühjahr wird ein neues Leerstandsgesetz diskutiert, das weitere Hausbesetzungen erschwert. Hausbesetzungen können dadurch aber nicht verhindert werden. Der Bewegung gelingt es, eine ganze Reihe von besetzten Häusern zu halten. Zum Teil kauft die Stadt die besetzten Häuser auf und vermietet sie an die BesetzerInnen.


Recherchen: Thomas Stahel
Quellen:
Michel-Alder, Elisabeth: «Nimm Dein Recht in die eigene Hand!» Über Vertreter eines besseren Lebens in Amsterdam, zum Beispiel Häuserbesetzer, Demonstranten und Autonome. In: Tages-Anzeiger-Magazin Nr. 27. 5. Juli 1980.
Narr, W.-D. (Hrsg.): Berlin - Zürich - Amsterdam. Politik, Protest und Polizei. Eine vergleichende Untersuchung. In: CILIP Civil liberties and police. Informationsdienst: Bürgerrechte und Polizei. Nr. 9/10. Berlin 1981.